Das altehrwürdige Literaturmagazin feiert in dieser Ausgabe nicht nur Bücher, sondern inszeniert einen regelrechten Kampf der Kritik. Fünf Neuerscheinungen stehen auf dem Programm, doch vor allem an den Werken von Jérôme Ferrari und Douglas Kennedy entzünden sich grundsätzliche Debatten über den Wert von „hoher“ und „populärer“ Literatur. Stärker als die eigentlichen Buchinhalte tritt dabei die sprachliche Brillanz der Kritiker:innen selbst in den Vordergrund, die mit Verve jahrzehntelange Geschmacksgrenzen verhandeln. Unhinterfragt bleibt die Annahme, dass eine starke, subjektive Rezension vor allem eine unterhaltsame Performance zu sein hat – das kritische Wort wird hier selbst zur Kunstform erhoben.

Zentrale Punkte

  • Patti Smiths unspektakuläre Poesie Die Autobiographie „Le pain des anges“ sei keine wilde Punk-Story, sondern ein fast märchenhafter, detailreicher Bericht über eine prekäre Kindheit und das Erwachsenwerden. Gerade die schlichte, lineare Erzählweise einer ansonsten so glamourösen Rockikone mache für die Mehrheit der Runde den besonderen, vertrauten Reiz des Buches aus.
  • Ferraris moralische Selbstzerfleischung Jérôme Ferrari erzähle in „Très brève théorie de l'enfer“ von westlicher Ausbeutung und Ungleichheit in Abu Dhabi. Entgegen dem Vorwurf, der Erzähler blicke voller Verachtung auf seine Figuren herab, wird das Werk hier als schmerzhafte, schwarze Selbstanklage eines Autors verteidigt, der sich seiner eigenen Mitschuld aufs Schmerzhafteste bewusst sei.
  • Kennedys routinierte Mythen-Recycling „L'homme qui n'avait pas assez d'une vie“ wird zum ultimativen Prüfstein: Für die einen sei Douglas Kennedy ein Meister des perfekt funktionierenden Unterhaltungsromans, der gekonnt ödipale Mythen und „Star Wars“-Motive recycele. Für die anderen sei das Buch eine zynische, von unglaubwürdigen Dialogen und grotesker Oberflächlichkeit geprägte Selbstwiederholung ohne jeden literarischen Anspruch.

Einordnung

Die Stärke der Sendung liegt in ihrer leidenschaftlich ausgetragenen Deutungshoheit. Wenn Arnaud Viviant Ferraris Hölle als „nobelisable“ adelt und Jean-Marc Proust Kennedys Handwerk kühl analysiert, erlebt das Publikum Kritik als engagierte, unterhaltsame Fehde auf höchstem Niveau. Es geht kaum um eine konkrete Vermittlung von Buchinhalten, sondern um die reine Lust an der Zuspitzung und am brillant formulierten Verriss. Diese Inszenierung lebt von der Persönlichkeit und der unverhohlenen Subjektivität ihrer Protagonist:innen.

Gerade dieser starke Fokus auf die Performance der Kritiker:innen lässt jedoch eine inhaltliche Einordnung der Werke oft in den Hintergrund treten. Die Analyse von Lindenbergs Roman droht unter den gegenseitigen Attacken verloren zu gehen. Zudem bleibt die Perspektive auf das, was als wertvolle Literatur gilt, sehr einem männlich dominierten Kanon und einer bildungsbürgerlichen Tradition verhaftet. Wenn Jean-Marc Proust Kennedys Erfolgsrezept feinsinnig seziert, geschieht dies nicht ohne einen herablassenden Unterton gegenüber dem Genre: „C'est une usine à recyclage“ – ein Satz, der analytische Schärfe mit einem tiefsitzenden Misstrauen gegen alles vermeintlich Leichte und Populäre verbindet. Die Stimme der Leser:innen, die an solcher Literatur schlichtweg Freude haben könnten, wird in diesem Gelehrtenstreit kaum repräsentiert.

Sprecher:innen

  • Rebecca Manzoni – Gastgeberin und Moderatorin der Sendung auf France Inter
  • Patricia Martin – Journalistin und Moderatorin (France Inter), mit Schwerpunkt Philosophie
  • Jean-Marc Proust – Autor und Literaturkritiker, u.a. für das Online-Magazin Slate
  • Arnaud Viviant – Literaturkritiker mit Punk-Attitüde, schreibt für die Zeitschrift Regards
  • Raphaël Leyris – Literaturkritiker, zuständig für das Feuilleton der Tageszeitung Le Monde