Josephine Baker ist längst nicht mehr nur der schillernde Revue-Star, als der Zweite Weltkrieg ausbricht. Joachim Telgenbüscher und Nils Minkmar zeichnen nach, wie sie ihren Ruhm und ihre Bekanntheit nutzt, um für den französischen Geheimdienst zu arbeiten – ein riskantes Doppelleben, das sie fast das Leben kostet. In der Nachkriegszeit wird die Bühne für sie zur Plattform des Protests gegen die Rassentrennung in den USA. Die Hosts stellen Baker als eine Künstlerin dar, deren moralische Instanz untrennbar mit ihrer Biografie und ihrem universalistischen Ideal der Republik verbunden sei. Ihre Haltung zur französischen Kolonialpolitik wird dabei als „differenziert" charakterisiert, ohne diesen Widerspruch in ihrem Denken wirklich aufzulösen.

Zentrale Punkte

  • Spionage im Krieg Als der Krieg beginnt, stelle sich Baker bewusst auf die Seite Frankreichs, obwohl sie als US-Bürgerin hätte ausreisen können. Sie werde vom Geheimdienst angeworben, da man in ihr keine Agentin vermute. Getarnt als Konzertreisen, habe sie auf diplomatischem Parkett Informationen gesammelt und ihr Leben riskiert.
  • Kampf gegen Rassentrennung Nach dem Krieg kämpfe Baker mit den Mitteln eines Weltstars gegen die Segregation in den USA. Sie habe sich geweigert, vor getrenntem Publikum zu singen, und das System durch gezielte Provokationen herausgefordert. Ihre Argumentation sei stets persönlich gewesen, nicht ideologisch, und habe die Kluft zwischen amerikanischen Idealen und der Realität angeprangert.
  • Scheitern der „Regenbogenfamilie" In Südfrankreich habe Baker ein utopisches Projekt gestartet: das „Village du Monde". Sie adoptierte zwölf Kinder aus aller Welt, um zu beweisen, dass ein Zusammenleben ohne Rassismus möglich sei. Das Schlossprojekt sei an finanzieller Misswirtschaft, Gigantomanie und dem Spannungsfeld zwischen Idealismus und dem Alltagsleben der Kinder gescheitert.
  • Ein Abgang als Triumph Nach dem Verlust ihres Schlosses und einem Neuanfang durch die Hilfe von Grace Kelly, habe Baker 1975 ein triumphales Bühnen-Comeback in Paris gefeiert. Nur vier Tage nach der umjubelten Premiere sei sie an einer Hirnblutung gestorben – ein Abgang, der als letzter, perfekter Schlussakkord ihres Lebens inszeniert wird.

Einordnung

Die Episode lebt von der dichten, anekdotenreichen Erzählweise. Telgenbüscher und Minkmar breiten ein detailreiches Panorama aus, das Bakers politische Wandlung glaubhaft mit ihrer Persönlichkeit verknüpft. Besonders die Ausführungen zu ihrer Geheimdienstarbeit und ihrem PR-Gespür im politischen Aktivismus sind erhellend. Die Hosts arbeiten die Widersprüchlichkeit Bakers heraus: eine Frau, die auf der Bühne ihren Körper vermarktete, diesen aber gleichzeitig für einen universalistischen Freiheitskampf einsetzte.

Die Darstellung bleibt jedoch einer stark idealisierenden Perspektive verhaftet. Bakers politische Haltung zu den französischen Kolonialkriegen, insbesondere in Algerien, wird zwar erwähnt, aber schnell als „differenziert" eingeordnet und nicht als das benannt, was es für viele antikoloniale Kämpfer:innen war: eine Parteinahme für die Kolonialmacht. Die Kinder der „Regenbogenfamilie" bleiben reine Statisten in ihrer Geschichte – ihre Perspektive auf das Projekt, das sie zu lebenden Ausstellungsstücken machte, fehlt völlig. So wird die gescheiterte Utopie vor allem als persönliche Tragödie der Diva erzählt, nicht als ein Unterfangen mit problematischen Implikationen für die Betroffenen. Ein aufschlussreiches Zitat zur Erzählhaltung lautet: „Am Ende stirbt Josephine Baker nicht auf dem Rückzug, sondern mitten in einem letzten Triumph."

Hörempfehlung: Ein unterhaltsamer Ritt durch ein wildes Leben, ideal für Hörer:innen, die sich für schillernde Figuren des 20. Jahrhunderts interessieren, aber die unkritische Bewunderung der Hosts mitdenken sollten.

Sprecher:innen

  • Joachim Telgenbüscher – Geschichtsjournalist und Host des Podcasts
  • Nils Minkmar – Historiker und Host des Podcasts