Seit Beginn des Krieges gegen den Iran hört man kaum etwas von den Menschen im Land. Der Grund: Die iranische Führung hat eine der umfassendsten und längsten Internetsperren verhängt, die je global dokumentiert wurden. Für diese Episode sammelte das Team von This American Life unter schwierigsten Bedingungen Sprachmemos von Menschen innerhalb des Iran. Ihre Berichte zeigen, wie die totale Kontrolle der Kommunikation als Kriegswaffe gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wird. Die Sprecher:innen schildern nicht nur die Angst vor Bomben, sondern auch die vielschichtigen, oft widersprüchlichen Reaktionen auf den Krieg und ein Regime, das versuche, das Internet von einem öffentlichen Raum in ein abgestuftes Privileg zu verwandeln. Der Alltag erscheine als ein Zustand der doppelten Bedrohung: durch äußere Angriffe und durch die innere Überwachung, wobei die Grenzen zwischen Kriegsnotwendigkeit und Machterhalt verschwimmen.
Zentrale Punkte
- Die totale Trennung Die Internetsperre kappe nicht nur militärisch sensible Kommunikation, sondern reiße Familien unvermittelt auseinander und mache selbst banalen Austausch unmöglich. Einzig alte Festnetzanschlüsse dienten kurzzeitig als Nabelschnur zur Außenwelt, deren Verlust als existenzielles, ohnmächtiges Erlebnis beschrieben werde.
- Alltag und Ablenkung Die Bewältigung der Blackout-Erfahrung werde durch absurde Routinen dargestellt: Menschen putzten obsessiv ihre Wohnungen, richteten fensterlose Schlafplätze ein oder verlören sich in fiktiven Endzeitszenarien. Diese Handlungen seien Versuche, in einer völlig entgrenzten Krise psychische Kontrolle zurückzugewinnen.
- Zerklüftete politische Gefühle Die Bevölkerung sei tief gespalten. Manche sähen im Krieg die ersehnte Befreiung vom Regime durch externe Mächte, andere verteidigten die repressive Staatsräson. Diese Konflikte würden in persönliche Beziehungen getragen, wo unterschiedliche Haltungen zu Krieg und Blackout Liebesbeziehungen und Freundschaften zerstörten.
Einordnung
Die Episode leistet etwas journalistisch Herausragendes: Sie durchbricht die von der iranischen Führung verhängte Informationsblockade und gibt Menschen eine Stimme, deren Alltag unter doppelter Belastung – Krieg und Repression – sonst unsichtbar bliebe. Die Stärke liegt in der unkommentierten Montage der Sprachmemos, die einen tiefen, widersprüchlichen Einblick in die Gefühlswelt einer Gesellschaft gewährt, die nicht als homogenes Opfer dargestellt wird. Besonders eindrücklich gelingt die Schilderung der Sprachlosigkeit und des zerbrochenen Alltags.
Die Analyse stößt jedoch an Grenzen, wo die Logik des Sicherheitsdiskurses unhinterfragt bleibt. So wird die Prämisse der iranischen Führung, die Blackout diene der nationalen Sicherheit, zwar referiert, aber nicht systematisch dekonstruiert. Die im Transkript geäußerte Perspektive, Freiheit habe nun einmal einen Preis, wie sie der Unternehmer Vahid formuliert („This is the cost of freedom"), steht unkommentiert im Raum – eine politische Setzung, die menschliches Leid als hinnehmbare Kalkulationsgröße behandelt. Zudem wird die Einführung eines abgestuften „Internet Pro"-Systems zwar als düstere Zukunftsaussicht benannt, die dahinterstehende transformative Logik staatlicher Kontrolle aber nicht in die Analyse des aktuellen Kriegsdiskurses rückgebunden.
Hörempfehlung: Unbedingt hörenswert für alle, die verstehen wollen, wie sich moderne Kriegsführung und staatliche Repression mit der Kontrolle digitaler Räume verbinden – und wie Menschen unter diesen Bedingungen ihren Alltag zu bewahren versuchen.
Sprecher:innen
- Hana Jafi Walt – Gastgeberin der Episode, tritt anstelle des üblichen Moderators Ira Glass auf.
- Roxana Saberi & Fatemeh Jamalpour – Journalistinnen, die die Sprachmemos aus dem Iran gesammelt haben.