Die Episode "Historiker Adam Tooze: Wir leben in einer historischen Zäsur" des World-Economic-Forum-Podcasts Radio Davos wurde im Juni 2025 in Tianjin aufgezeichnet. Gastgeber Robin Pomeroy und Co-Moderatorin Chery Kang (CNBC) sprechen mit dem Historiker Adam Tooze (Columbia University, Podcast "Ones and Tooze") über die tiefgreifenden geopolitischen und technologischen Umbrüche des Jahres 2025.
1. Trump-Administration als historische Zäsur
Tooze betont, dass die zweite Amtszeit Trumps eine echte Zäsur darstelle: "It's not just trivially new … but actually genuinely a break with precedent." Die Politik Washingtons wirke wie "back of the envelope … toilet moment nonsense", die sich plötzlich in Handels- und Kriegspolitik umsetze.
2. G2-Modell sei endgültig gescheitert
Die Vision einer stabilen US-chinesischen Führungspartnerschaft (G2) sei mit Obamas Sunnylands-Gipfel 2013 gestorben. Tooze: "That paradigm is dead." Stattdessen formierten sich neue, US-entzogene Ordnungsräume um Europa, China oder Lateinamerika.
3. China als dominante Fertigungsmacht
Tooze diagnostiziert, der Westen könne sich der Tatsache nicht stellen, dass China "the dominant manufacturing power in the world, bar none" sei und zugleich von einer stabilen Kommunistischen Partei regiert werde. Diese Erkenntnis sei "earth-shaking" und löse eine kollektive Verdrängung aus.
4. KI als "born contested"-Technologie
Anders als das iPhone, das in eine globalisierte Welt geboren wurde, treffe Künstliche Intelligenz auf eine bereits fragmentierte Weltordnung. Tooze: "It's born into the new geopolitics." Die Technologie verschärfe die Rivalität statt zu verbinden.
5. Pandemie- und Klimarisiko unterschätzt
Tooze macht sich Sorgen um eine erneute Pandemie als Teil der "ecological destabilization", während die Welt wie "goldfish" die Lehren von COVID-19 bereits vergessen habe.
6. Globaler Bildungsboom als Grund zur Hoffnung
Positiv stimme ihn die rasante Expansion des tertiären Bildungssektors: von wenigen Millionen Absolvent:innen 1990 auf heute 45 Millionen pro Jahr in China allein. Diese Entwicklung werde "a turning point in our collective history".
Einordnung
Die Sendung nutzt das klassische Davos-Format: zwei professionelle Journalist:innen interviewen einen renommierten Experten in angenehm-moderiertem Gespräch. Die Stärke liegt in Toozes präziser historischer Einordnung und seinem klaren Blick für Machtverschiebungen. Schwächen zeigen sich, wenn die Moderation auf US-amerikanische Innenpolitik einschwenkt und dabei die europäische oder globale Süd-Perspektive ausblendet. Die Annahme, Trump sei eine exklusive US-amerikanische Verantwortung, verengt den Blick; die Frage nach globalen Mitverantwortlichen für Handelskriege, Klimakrise oder Militäreinsätze wird nicht gestellt. Dennoch bietet die Episode eine dichte, faktenbasierte Analyse, die ohne Polemik auskommt und dem Publikum erlaubt, sich selbst ein Bild zu machen.
Hörwarnung: Wer nach 45 Minuten geopolitische Klarheit erwartet, wird enttäuscht sein – Tooze liefert aber eine brillante Landkarte für die weitere Recherche.