Der Krieg in der Ukraine wird in dieser Episode vor allem als eine Frage der wirtschaftlichen Haltbarkeit verhandelt. Im Gespräch mit Rixa Fürsen präsentiert der Ökonom Moritz Schularick die These, Russlands finanzielle Puffer seien aufgebraucht und das System stehe vor einem „Endspiel". Dabei wird die Auseinandersetzung nicht über Truppenstärken oder Frontverläufe geführt, sondern als eine Art Bilanzen-Krieg: Haushaltsdefizite, Handelsvolumina und Vermögensfonds rücken in den Vordergrund. Als selbstverständlich gesetzt wird dabei, dass wirtschaftlicher Druck der entscheidende Hebel sei, um das Kalkül des Kremls zu verändern – und dass die europäische Geschlossenheit diesen Druck herstellen könne, wenn man nur die richtigen Instrumente wähle.
Zentrale Punkte
- Finanzielle Puffer sind aufgebraucht Schularick behaupte, Russlands nationaler Vermögensfonds sei geleert und das Haushaltsdefizit für 2026 bereits im ersten Quartal gerissen. Zudem habe der Staat über erzwungene Bankkredite eine versteckte Verschuldung von 50 Prozent der Wirtschaftsleistung angehäuft, wodurch die bisher „geräuscharme" Kriegsfinanzierung an ihr Ende komme.
- Zölle als smarteres Druckmittel Anstatt weiteren Sanktionen schlage er einen neuen Weg vor: hohe Zölle auf den verbliebenen legalen EU-Handel mit Russland im Umfang von 60 Milliarden Euro. Dies würde Einnahmen von 10 bis 15 Milliarden Euro generieren, die direkt der Ukraine-Hilfe zugutekommen könnten, ohne den eigenen Haushalt zu belasten.
- Russlands fatale Abhängigkeit von China Die wirtschaftliche Beziehung zu China sei keine Partnerschaft auf Augenhöhe, sondern eine Dominanz, die Russland zum „Protektorat" mache. Schularick kritisiere, Europa trenne die China- und Ukraine-Politik zu sehr voneinander und müsse wirtschaftliche Verflechtung viel stärker als geopolitisches Druckmittel verstehen.
Einordnung
Das Gespräch bietet eine pointierte ökonomische Analyse, die den Frontverlauf durch die Finanzlinse betrachtet und so eine sonst seltene Perspektive stark macht. Die Stärke liegt darin, dass Schularick nicht bei der Diagnose stehen bleibt, sondern mit dem Zoll-Vorschlag eine konkrete, wenn auch politisch heikle Handlungsoption vorstellt und diesen mit asymmetrischer Wirkung (wenig Schaden in der EU, großer Effekt für Russland) plausibel rahmt. Der Vergleich des Putin-Regimes mit einer „Finanzblase", die am Glauben der Menschen hängt, ist ein griffiges Bild für die potenzielle Fragilität autoritärer Macht.
Allerdings blendet die rein ökonomische Logik die Eigendynamik ideologischer oder fanatischer Kriegsgründe weitgehend aus – Kosten-Nutzen-Rechnungen, die für Demokratien oder Unternehmen gelten, sind für ein persönliches Regime wie das Putins nur ein Teil der Wahrheit. Zudem klammert die Diskussion aus, dass beschlossene Zölle auf China oder Russland reale Kosten für europäische Verbraucher:innen und Unternehmen bedeuten können, selbst wenn sie gesamtwirtschaftlich als gering dargestellt werden. Die innereuropäischen Interessenkonflikte, die Schularick selbst einräumt, werden zwar benannt, aber in ihrer Sprengkraft für den eigenen Vorschlag nicht wirklich aufgelöst.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, warum Russlands Wirtschaft entgegen der Erwartungen auf ein Finanzierungsproblem zusteuert und welche ungenutzten Druckmittel Europa hätte.
Sprecher:innen
- Rixa Fürsen – Gastgeberin, politische Journalistin bei POLITICO Deutschland
- Moritz Schularick – Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, Ökonom