Die Episode greift eine Kritik auf, wie Medien über Orte und Lebensräume berichten. Florian Lipp, ein Hörer aus Günzburg, beobachte eine Schieflage: In öffentlichen Diskussionen werde meist eine großstädtische Perspektive als selbstverständlich vorausgesetzt, während das „Land" klischeehaft als dörfliche Gegenwelt erscheine. Die Lebensrealität der Mehrheit, die in Klein- und Mittelstädten wohne, komme kaum vor. Mit dem Soziologen Ansgar Hudde und der Wissenschaftsjournalistin Kathrin Kühn diskutiert er, woran das liegt – und dass diese Lücke nicht nur ein journalistisches, sondern auch ein politisches Problem ist.
Zentrale Punkte
- Die übersehene Mehrheit Die meisten Menschen in Deutschland lebten in Klein- und Mittelstädten, trotzdem drehe sich die Berichterstattung fast ausschließlich um Metropolen oder idyllisch-abgehängte Dörfer. Diese „mittelstädtische" Perspektive werde weder als eigener Raum mit spezifischen Herausforderungen erkannt noch angemessen repräsentiert.
- Strukturelle Betriebsblindheit Große Medienhäuser und politische Entscheidungsträger:innen säßen meist in Großstädten und seien dort sozialisiert. Dadurch werde die großstädtische Lebensrealität oft unreflektiert zum „Nullpunkt" der Betrachtung. So würden etwa Debatten über ÖPNV-Förderung geführt, ohne zu bedenken, dass ein Deutschlandticket für viele Mittelstadt-Bewohner:innen mangels Angebot kaum nutzbar sei.
- Folgen des Übersehenwerdens Fehle die Darstellung der eigenen Lebenswelt in Medien, könne das bei den Menschen ein Gefühl des Nicht-Gesehen-Werdens erzeugen. Dies werde politisch relevant, weil es Abwertungsgefühle und Ressentiments begünstige – etwa, wenn die eigene Region nur dann bundesweit vorkomme, wenn über eskalierende Schützenfeste oder strukturelle Probleme berichtet werde.
Einordnung
Die Diskussion hat Stärken, weil sie ein verbreitetes journalistisches Muster nicht nur benennt, sondern seine Funktionsweise und Folgen freilegt. Dadurch, dass ein Hörer, ein Soziologe und eine erfahrene Journalistin ihre Perspektiven zusammenbringen, wird das Problem aus verschiedenen Blickwinkeln vermessen. Besonders klärend ist die Beobachtung von Ansgar Hudde, dass die mittelstädtische Lebensrealität oft der implizite Referenzpunkt sei, von dem aus man Abweichungen nach „urban" oder „ländlich" bewerte – und sie gerade deshalb medial unsichtbar bleibe. Auch das Beispiel der Stadt Gera, wo sich durch genaues Hinsehen auf lokale Dynamiken Migrationsdebatten differenzierter erklären ließen, zeigt journalistisches Potenzial abseits der simplen Stadt-Land-Erzählung.
Die Analyse kratzt jedoch an einer tieferliegenden Selbstverständlichkeit, die sie nicht konsequent weiterdenkt: Dass das „Interessante" und „Berichtenswerte" oft mit dem Besonderen, Extremen oder Eskalierenden gleichgesetzt wird – und das Normale, Durchschnittliche folglich rausfällt. Die Gesprächsrunde verharrt hier eher in der Diagnose, statt konsequent nach Wegen zu fragen, wie journalistische Relevanzkriterien verändert werden müssten, damit die „langweilige" Mitte erzählbar wird. Eine Aussage aus der Runde illustriert dieses Dilemma: „Ich glaube zu Mittelstädten gibt's noch nicht mal richtige Klischees. Ich glaube, sie sind einfach nicht da."
Sprecher:innen
- Brigitte Baetz – Moderatorin, Deutschlandfunk
- Florian Lipp – Deutschlandfunk-Hörer, lebt in Günzburg
- Ansgar Hudde – Soziologe, Universität Köln, Autor zu politischen Mustern in Nachbarschaften
- Kathrin Kühn – Wissenschaftsjournalistin, Deutschlandfunk