Der anonyme Autor Mike Brock liefert eine radikal konsequentialistische Polemik gegen die politische Instrumentalisierung des christlichen Glaubens durch die US-Rechte. Im Zentrum steht die These, dass die Frage nach der Echtheit der religiösen Überzeugungen von Figuren wie JD Vance und Peter Thiel nicht nur falsch, sondern politisch gefährlich sei. Brock argumentiert, dass die öffentliche Debatte über Vances „schlechten Katholizismus“ – zuletzt angeprangert durch Papst Leo XIV. – ein Ablenkungsmanöver der intellektuellen Klasse sei. Sie verleihe den Akteuren einen moralischen Kredit, der von ihrem tatsächlichen, für die Bürger:innen einzig relevanten Handeln ablenke: „Whether Mr. Thiel has convinced himself that Jesus wants him to be the global technate dictator, or whether he is using the Christianity costume as an instrument for the consolidation of power, the actions are the same. The harm to the polity is the same."
Brock unterscheidet strikt zwischen privater Moral, in der die Tugendethik mit ihrem Blick auf innere Haltungen sinnvoll sei, und der politischen Ethik, in der allein die beobachtbaren Konsequenzen zählen. Er verweist auf David Humes Folgenethik und das Matthäus-Evangelium, in dem das Jüngste Gericht allein nach Taten bewertet. Die konservativ-christliche Tradition, die stets nach der inneren Authentizität fragt, werde so strukturell zu einem „Apparat, der öffentliche Akteure vor Rechenschaft schützt“. Vance und Thiel verfolgten, unabhängig von ihrem Seelenleben, das gleiche Ziel wie Wladimir Putin mit der russisch-orthodoxen Kirche: die funktionale Vereinnahmung einer Glaubensgemeinschaft als staatstragendes Machtinstrument. Die wiederholten päpstlichen Rügen seien zwar wertvoll, änderten aber nichts an dem politischen Projekt, das sich auch ohne das religiöse Kostüm unbeirrt fortsetzen würde. Die Kernfrage für das Gemeinwesen laute daher nicht „Was glauben sie?“, sondern „Was richten ihre Handlungen an?“.
Einordnung
Der Text ist eine bewusst einseitige, rhetorisch eindrucksvolle Intervention aus einer klar linksliberalen und demokratieschützenden Perspektive. Brock blendet den subjektiven Sinn der Akteure programmatisch aus, was seine These zwar schärft, aber eine differenzierte Analyse der spezifisch religiös-fundierten Motivation autoritärer Bewegungen verunmöglicht. Die Argumentation dient so vor allem der moralischen Klarheit und Mobilisierung der eigenen Leser:innenschaft, birgt jedoch die Gefahr, die politische Auseinandersetzung auf eine reine Bewertung von „bösem“ Handeln zu verkürzen. Brocks zentrale Annahme, dass die öffentliche Debatte über „echten Glauben“ den Tätern nütze, ist bedenkenswert, unterschätzt aber die aufklärerische Kraft, die in der Konfrontation von Heuchelei durch theologische Autoritäten wie den Papst liegen kann.
Die Lektüre ist für all jene gewinnbringend, die eine kompromisslose, liberale Bestätigung ihrer Sorgen um die autoritäre Wende in den USA suchen. Eine Lesewarnung gilt für Leser:innen, die eine ergebnisoffene Debatte oder psychologische Tiefenschärfe jenseits einer klaren Freund-Feind-Zeichnung erwarten.