Michel Reimon entwirft in seinem Essay "Medienmassen" eine strukturelle Analyse der digitalen Öffentlichkeit, die plattformökonomische Logik und demokratietheoretische Grundlagen miteinander verbindet. Ausgehend von der These, man könne nicht nicht Politik machen, wird der aktuelle Medienwandel als Moment grundlegender Neuordnung kommunikativer Machtverhältnisse beschrieben. Im Gespräch mit dem Carl-Auer Sounds of Science Podcast argumentiert Reimon, dass etablierte Mechanismen redaktioneller Unabhängigkeit zunehmend versagten, während autoritäre Akteur:innen die veränderten Bedingungen strategisch nutzten. Besonders deutlich werde dies am aktuellen Exodus demokratischer Parteien von der Plattform X. Als selbstverständlich gesetzt erscheint dabei die Annahme, dass eine demokratische Öffentlichkeit zwingend auf einen strukturell geschützten, nicht-kommerziellen Diskursraum angewiesen sei.
Zentrale Punkte
- Brechts Traum und sein Scheitern Bertolt Brechts Vision eines emanzipatorischen Rundfunks, in dem alle senden und diskutieren können, sei technisch nie verwirklicht worden. Stattdessen habe der "Volksempfänger" unter den Nationalsozialisten gezeigt, wie effektiv zentralisierte Massenmedien für Propaganda nutzbar gemacht werden könnten – ein Muster, das sich heute auf digitalen Plattformen wiederhole.
- "Don't hate the media, become the media" Der Aufruf bedeute nicht bloß Teilnahme, sondern die aktive Übernahme demokratischer Verantwortung in der digitalen Sphäre. Reimon sehe eine Verpflichtung für demokratische Kräfte, sich nicht frustriert aus den Plattformen zurückzuziehen, sondern strategisch und solidarisch in inhaltliche Diskurse zu investieren, anstatt sich in aussichtslosen Debatten mit anonymen Hassaccounts aufzureiben.
- Gewaltenteilung für die digitale Infrastruktur Um die Demokratie vor privater Monopolmacht zu schützen, müsse die technische Infrastruktur der Plattformen zerschlagen werden. Reimon schlage vor, Oberfläche, Algorithmus und Datenbank gesetzlich verpflichtend zu trennen. Nutzer:innen sollten den Algorithmus frei wählen können, ähnlich wie Wettbewerbsrecht Monopole auf Märkten verhindere.
Einordnung
Das Gespräch liefert eine dichte Verknüpfung von Mediengeschichte, Politikwissenschaft und eigener politischer Praxis. Die Stärke liegt in der strukturellen Perspektive: Statt bei Appellen an individuelle Medienkompetenz stehenzubleiben, wird die Architektur der Plattformen selbst als demokratiegefährdend beschrieben. Der konkrete Vorschlag einer algorithmischen Gewaltenteilung ist originell und regt zur Diskussion über längst überfällige regulierungspolitische Eingriffe an.
Allerdings bleibt die Analyse an manchen Stellen idealtypisch. Die Frage, wie genau eine Trennung von Oberfläche und Datenbank technisch und ökonomisch durchsetzbar wäre, wird nicht vertieft. Auch die Annahme, ein demokratischer Staat könne oder wolle neutrale Algorithmen bereitstellen, wird nicht kritisch hinterfragt – eigene Machtinteressen öffentlicher Institutionen bleiben ausgeblendet. Zudem bleibt die Rolle klassischer redaktioneller Medien in der aktuellen Krise unterbelichtet. Wenn Reimon die Parallele zum Rundfunk zieht und anmerkt, dass die Technik für "die Nazipropaganda am Küchentisch statt den offenen demokratischen Diskurs" genutzt wurde, zeigt sich das Muster, wie technische Infrastruktur nie neutral ist, sondern stets politischen Zwecken dient.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen wollen, warum digitale Plattformen nicht bloß neutrale Marktplätze sind, sondern die Grundfesten der Demokratie verschieben, bietet das Gespräch wertvolle Analysewerkzeuge.
Sprecher:innen
- Michel Reimon – Kommunikationsberater, Ex-EU-Abgeordneter und Autor von "Medienmassen"
- Moderator (nicht namentlich genannt) – Gastgeber:in von Carl-Auer Sounds of Science