Der Podcast schildert die eskalierende Gewalt jüdischer Siedler gegen Palästinenser:innen im Westjordanland. Im Zentrum steht der konkrete Fall eines von einem bewaffneten Siedler erschossenen jungen Palästinensers. ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann berichtet von ihren Gesprächen mit Angehörigen und Siedler:innen vor Ort. Als zentrale Erklärung für die Zunahme der Angriffe wird angeführt, dass gewaltbereite Siedler die geopolitische Lage seit dem 7. Oktober ausnutzten und von der ultrarechten Regierung unter Benjamin Netanyahu faktisch geduldet oder sogar indirekt unterstützt würden. Als selbstverständlich gesetzt wird dabei die völkerrechtliche Einordnung der Siedlungen als illegal sowie eine Hierarchie der Gewalt, in der die palästinensische Zivilbevölkerung dem staatlich gedeckten Vorgehen weitgehend schutzlos ausgeliefert sei.

Zentrale Punkte

  • Gewalt als strategisches Mittel Die geschilderten Siedlerangriffe dienten nicht nur der Selbstverteidigung, sondern seien Teil einer systematischen Strategie zur Vertreibung und Landnahme. Gewaltbereite Siedler fühlten sich durch die Regierung, die selbst rechtsextreme Siedler einschließe, ermächtigt und handelten oft ohne Konsequenzen, da das Militär untätig bleibe oder sogar Partei ergreife.
  • Der Staat als Akteur der Entgrenzung Es existiere eine faktische Zusammenarbeit zwischen Siedlern, Armee und Behörden. Die Armee greife nicht nur nicht ein, sondern diskriminiere offen zugunsten jüdischer Israelis. Die Regierung legalisiere nachträglich wilde Siedlungsaußenposten und ignoriere das IGH-Gutachten von 2024, das die Besatzung für völkerrechtswidrig erklärte.
  • Verschobener Diskurs und internationale Passivität Im innerisraelischen Diskurs werde das Westjordanland zunehmend mit den biblischen Begriffen Judäa und Samaria bezeichnet, was den Gebietsanspruch religiös untermauere. Palästinenser:innen würden in dieser Wahrnehmung entmenschlicht oder pauschal als Bedrohung gesehen. Internationale Sanktionen gegen einzelne Siedler hätten sich als wirkungslos erwiesen.

Einordnung

Die Stärke der Episode liegt in der dichten, reportageartigen Verknüpfung konkreter Gewalterfahrungen mit einer präzisen Analyse der politischen Verantwortung. Sophie von der Tann gelingt es, durch ihre Vor-Ort-Recherche verschiedene Stimmen einzufangen – vom traumatisierten Vater bis zur stolzen Täter-Angehörigen – und so die Verhärtung der Konfliktlinien spürbar zu machen. Die Moderation von Nadja Mitzkat führt mit kritischen Nachfragen souverän durch die komplexe Gemengelage aus völkerrechtlichem Status, historischem Kontext und aktueller Eskalation.

Auffällig ist jedoch, dass palästinensische politische Akteure oder die Autonomiebehörde kaum vorkommen. Dadurch erscheint die palästinensische Seite vor allem als leidende Zivilbevölkerung, weniger als politisch handelnde Kraft. Auch der Blick auf die innerisraelische Opposition gegen die Siedlungspolitik bleibt auf eine kurze Erwähnung einer kleinen Demo in Tel Aviv beschränkt. So entsteht das Bild einer nahezu vollständig nach rechts gerückten Gesellschaft, was zwar empirisch gestützt sein mag, aber dennoch eine perspektivische Verengung darstellt.

Die sprachliche Entgrenzung wird in einer Szene besonders greifbar, als eine Siedlerin den tödlichen Schuss ihres Schwagers rechtfertigt: „Und dann ist sie noch mal auf mich zugekommen [...] Hat sie dann vor laufender Kamera zu mir gesagt, das war mein Schwager, der da geschossen hat und ich bin stolz auf ihn." (Sophie von der Tann, TC 06:42–07:02)

Hörempfehlung: Unbedingt hörenswert für alle, die eine nah heranzoomende, zugleich analytisch scharfe Reportage über eine oft übersehene Eskalation im Schatten der großen Nahost-Kriege suchen.

Sprecher:innen

  • Nadja Mitzkat – Host von 11KM, führt durch die Episode
  • Sophie von der Tann – ARD-Korrespondentin, berichtet aus dem Westjordanland