In der Ukraine kämpfen Tausende ausländische Freiwillige – die größte Gruppe unter ihnen kommt aus Kolumbien. Der Weltspiegel Podcast begleitet ARD-Korrespondent:innen, die sowohl Angehörige in Kolumbien als auch Kämpfer in der Ukraine getroffen haben. Im Zentrum steht die Frage, warum diese Männer in einen Krieg ziehen, der nicht der ihre ist. Ihre wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und Armut in einem von jahrzehntelangem Konflikt geprägten Land werden dabei als zentrale Treiber dargestellt. Die Darstellung rückt die persönlichen Schicksale in den Vordergrund und zeichnet ein Bild von Menschen, die aus Not zu verfügbaren Kämpfern werden.

Zentrale Punkte

  • Wirtschaftliche Not als Treiber Viele kolumbianische Kämpfer seien Ex-Militärs, die im zivilen Leben scheiterten. Mit einem kolumbianischen Mindestlohn von etwa 400 Euro würden die in der Ukraine versprochenen 3.000 US-Dollar als unwiderstehlicher Ausweg aus Armut und Verschuldung erscheinen.
  • Die Macht der sozialen Medien Die Anwerbung laufe maßgeblich über TikTok, wo kolumbianische Kämpfer in eigenen Kanälen ein idealisiertes Bild des Krieges zeichneten und mit viel Geld lockten. Angehörige würden kritisieren, dass vor allem junge Männer die Brutalität des Einsatzes nicht einschätzen könnten.
  • Staatliche Abwesenheit in der Betreuung Sowohl der kolumbianische als auch der ukrainische Staat böten nur begrenzt Hilfe. Der kolumbianische Präsident verurteile das „Söldnertum", könne aber wenig tun. Angehörige fühlten sich in ihrer Trauer und bei der bürokratischen Suche nach Vermissten alleingelassen.

Einordnung

Die Stärke der Episode liegt in ihrer intensiven Recherche und den persönlichen Einblicken. Sie schafft einen seltenen Perspektivwechsel, indem sie Betroffene und Angehörige ausführlich zu Wort kommen lässt – vom 33-jährigen Mann, der seine Verletzungen dokumentieren lassen muss, bis zur Mutter, die über WhatsApp vom Verschwinden ihres Sohnes erfuhr. Diese multiperspektivische Herangehensweise, die sowohl die Lebensrealität in Kolumbien als auch den Alltag an der Front und die Trauerarbeit der Familien einfängt, verleiht dem Konflikt eine menschliche Tiefe. Wie Karina Rodriguez über die Argumentation ihres Mannes sagt: „Me decía eh que no le cortara sus sueños, [...] que mirara la situación aquí en Colombia cómo estaba" – er habe ihr gesagt, sie solle ihm seine Träume nicht zerstören, sie solle sich die Situation in Kolumbien ansehen. Dieses Zitat macht die innere Logik der Verzweiflung greifbar, ohne sie zu romantisieren.

Die Analyse verharrt jedoch in einer reinen Beobachter:innenperspektive, indem sie das Phänomen als schicksalhafte Folge von Armut zeichnet. Die Rolle der Ukraine als aktiv anwerbender Staat wird nur gestreift; zwar wird die „Fremdenlegion" erwähnt, doch die gezielte, möglicherweise staatlich geduldete Anwerbestrategie über TikTok-Kanäle bleibt unhinterfragt. Dass es sich bei den als „Freiwillige" oder „Söldner" bezeichneten Männern formal um Angehörige des ukrainischen Militärs handelt, wird nicht als politischer Widerspruch problematisiert. Auch die Perspektive, dass ein Staat Menschen aus prekären Verhältnissen gezielt für einen Stellvertreterkrieg nutzt, wird nicht vertieft. Die Einordnung von Kolumbien als jahrzehntelanger enger Partner der USA liefert einen geopolitischen Rahmen, aus dem aber keine weiteren Fragen abgeleitet werden.

Hörempfehlung: Eine hörenswerte Episode für alle, die verstehen möchten, wie globale Ungleichheit, digitales Marketing und der Krieg in der Ukraine auf individueller Ebene zusammenwirken.

Sprecher:innen

  • Joana Jäschke – Moderatorin des Weltspiegel Podcasts
  • Marie-Kristin Boese – ARD-Korrespondentin mit Recherchen in Kolumbien
  • Demian von Osten – ARD-Korrespondent mit Recherchen in der Ukraine