Peter Hoeres, Professor für Neueste Geschichte, spricht mit Benjamin Scherp und Jan Feddersen über sein Essay „Rechts und Links“. Das Gespräch kreist um die historische Herkunft und die anhaltende Wirkmacht dieser politischen Einordnung. Als selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass die Unterscheidung zwischen links und rechts unverzichtbar sei – nicht nur zur Orientierung, sondern als Kennzeichen von Demokratie überhaupt. Hoeres zufolge brauche eine Demokratie beide Pole, um funktionieren zu können. Zugleich warnt er vor der moralischen Aufladung des Begriffs „Rechts“, die dazu führe, dass politische Gegner:innen nicht mehr als legitimer Teil des Spektrums anerkannt würden. Die heutige Verwendung von „Kampf gegen Rechts“ sei historisch fragwürdig und demokratieschädlich.
Zentrale Punkte
- Links-Rechts als demokratisches Grundprinzip Das Begriffspaar stamme aus der Sitzordnung der französischen Nationalversammlung und habe sich weltweit als erste Orientierung für politische Positionen durchgesetzt. Versuche, sich dem Schema zu entziehen – etwa durch die Grünen oder mehrdimensionale Modelle – seien stets gescheitert. Demokratie lebe vom Spannungsverhältnis zwischen Veränderungswillen und Traditionsbewahrung; hebe man diese Gegensätze auf, werde das Spektrum zerstört – wie im Nationalsozialismus oder Stalinismus.
- Umkämpfte Verortung des Nationalsozialismus Die NSDAP sei eine „Catch-all-Partei“ gewesen, die Ideen aus allen Richtungen aufgriff – inklusive sozialistischer Elemente wie der Preisbindung oder sozialstaatlicher Maßnahmen. Die Nazis selbst hätten gegen die „Reaktion“, also das konservative Bürgertum, gekämpft und sich als junge Bewegung jenseits des etablierten Links-Rechts-Schemas inszeniert. Dass „Rechts“ heute pauschal mit dem Nationalsozialismus identifiziert werde, sei historisch zu einfach.
- Kampf gegen Rechts als undifferenzierte Ausgrenzung Die Parole sei entweder dumm oder bösartig, weil sie große Bevölkerungsteile ausschließe und ihnen die demokratische Legitimität abspreche. Wenn staatliche Institutionen wie die Bundeszentrale für politische Bildung undifferenziert von „Kampf gegen Rechts“ sprächen, führe das zu Radikalisierung, nicht zu deren Eindämmung. Die Grenze des Sagbaren liege nicht in politischer Verortung, sondern im Gewaltaufruf und im Respekt vor dem Gesetz.
Einordnung
Das Gespräch liefert eine kenntnisreiche ideengeschichtliche Einordnung der Begriffe Links und Rechts und macht nachvollziehbar, warum das Schema so persistent ist. Hoeres argumentiert historisch versiert und zeigt an konkreten Beispielen – von der Badischen Kammer bis zur chilenischen Präsidentschaftswahl –, wie tief die Unterscheidung in demokratischen Ordnungen verankert ist. Die Stärke der Episode liegt darin, die Wandelbarkeit politischer Zuschreibungen über Zeit sichtbar zu machen.
Allerdings weist die Argumentation erhebliche diskursive Verschiebungen auf. Wenn Hoeres den heutigen „Kampf gegen Rechts“ mit der NS-Rhetorik parallelisiert, wird die historische Analogie zur Delegitimierung eines demokratischen Anliegens eingesetzt – ohne zu unterscheiden, gegen welche Art von „Rechts“ sich der Protest heute richtet. Dass rechte Gewalt und Rechtsextremismus reale Bedrohungen sind, bleibt ausgeblendet. Die Perspektive von Betroffenen rechter Angriffe kommt nicht vor. Auch fehlt eine Auseinandersetzung damit, dass die moralische Ächtung rechter Positionen kein abstrakter Kulturkampf ist, sondern in der historischen Erfahrung mit dem Nationalsozialismus wurzelt – einer Erfahrung, die Hoeres selbst als außerhalb jeder Kategorie stehend bezeichnet, um sie dann doch wieder relativierend in das Schema einzuordnen.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die sich für politische Begriffsgeschichte interessieren und eine fundierte, aber kontroverse Perspektive auf das Links-Rechts-Spektrum kennenlernen wollen.
Sprecher:innen
- Peter Hoeres – Professor für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg
- Benjamin Scherp – Co-Host von Based
- Jan Feddersen – Co-Host von Based, Journalist