Der anonyme Autor von „Notes From The Circus“ zeichnet in dieser Ausgabe das düster-akkurate Bild eines politischen Plans, der konsequent Wirklichkeit wird. Im Zentrum steht das Buch „The Sovereign Individual“ von James Dale Davidson und William Rees-Mogg aus dem Jahr 1997. Es sei nicht bloß ein libertärer Klassiker, sondern ein detaillierter Fahrplan zur Demontage des demokratischen Nationalstaats, der von Schlüsselfiguren des Silicon Valley wie Peter Thiel und Balaji Srinivasan als Gründungsschrift verehrt wird. Der Text prognostiziert das baldige Ende der Massendemokratie, die nur eine Belastung für die produktive kognitive Elite sei. Die Schlüsselprodukte dieser Elite seien Verschlüsselung und digitale Arbeitsmobilität, die es den „Souveränen Individuen“ erlauben, sich aus dem Zugriff des Steuerstaates zu verabschieden und in privaten Jurisdiktionen, sogenannten Netzwerkstaaten, ein neues Gemeinwesen zu errichten.
Das für diesen Plan zentrale, 1997 noch fehlende Instrument sei Bitcoin. Diese „Exit-Währung“ mache es möglich, Vermögen unantastbar für den Staat zu halten. Der Autor bezieht sich hier auf eine aktuelle, brisante Enthüllung des Investigativjournalisten John Carreyrou, die den britischen Kryptographen Adam Back als den lange gesuchten Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto identifiziert. Carreyrous minutiöse Analyse von Schreibstilen und historischen Indizien wird als erdrückend dargestellt. Back selbst bestreitet dies, doch der eigentliche Skandal liege in der strukturellen Verflechtung: Backs Unternehmen Blockstream geht just in diesem Jahr über eine Mantelgesellschaft des Mischkonzerns Cantor Fitzgerald an die Börse, jener Firma, die zuvor von Howard Lutnick geführt wurde – dem amtierenden US-Handelsminister in der Trump-Regierung. Für den Autor schließt sich hier der Kreis: „Die libertäre Fantasie von 1997 ist die Politik der US-Regierung im Jahr 2026. Die Cypherpunks haben, durch ein von ihnen geschaffenes Instrument und eine von ihnen finanzierte politische Koalition, die exekutive Macht übernommen.“ Dieser Coup sei die logische Konsequenz eines Jahrzehnte offenliegenden Bauplans, zu dem auch Projekte wie die private Stadt Próspera in Honduras gehören.
Einordnung
Der Newsletter liefert eine analytisch beeindruckende, aber radikal einseitige Zuspitzung der politischen Lage. Das Denkmodell einer monolithischen Verschwörung, die einen exakten Masterplan ausführt, ist zwar rhetorisch wirkmächtig, lässt aber wenig Raum für andere Erklärungen wie profane Profitgier, ideologische Radikalisierung oder schlichte politische Opportunität. Die Stärke des Textes liegt im Sichtbarmachen oft übersehener personeller und finanzieller Verflechtungen; seine Schwäche ist die Neigung zur Determinierung, die komplexe Vorgänge auf einen simplen Skript-Begriff von Politik verkürzt. Indem der Autor die Motive der Tech-Elite fast ausschließlich in der Blaupause eines Buches verortet, werden andere Dynamiken wie eine genuine, wenngleich für viele verstörende Zukunftsvision ausgeblendet.
Lesenswert ist der Newsletter für alle, die einen pointierten, radikal-aufklärerischen Blick auf das antidemokratische Potenzial der Tech-Elite und ihre gefährlichen Verstrickungen in die Regierungsmacht suchen. Er ist eine eindringliche Lesewarnung vor den illiberalen Ideen, die im libertären Gewand daherkommen. Wer jedoch eine ergebnisoffene Debatte oder eine differenzierte Auseinandersetzung mit abweichenden Meinungen erwartet, wird hier nicht fündig – der Text ist eine brillant geschriebene, aber hermetisch geschlossene Anklageschrift.