Der Lawfare Podcast bringt mit seinem Buchprojekt „How We See It“ seltene Außenperspektiven auf die USA zusammen. Moderator Tyler McBrien spricht mit der Journalistin Eve Fairbanks und der Herausgeberin Madeleine Schwartz darüber, wie Autor:innen aus aller Welt die Vereinigten Staaten beobachten – und wie sehr diese Beobachtungen mit den Selbstbildern der Amerikaner:innen kollidieren. Besonders intensiv wird der Essay von Fairbanks zu Südafrika diskutiert, der ein zentrales Problem offenlege: Die USA betrachteten andere Länder oft wie eine Kulisse für innenpolitische Dramen, wobei die tatsächliche Geschichte – etwa das Ende der Apartheid – völlig verzerrt werde.
Zentrale Punkte
- Internationale Blicke entzaubern den Exzeptionalismus Die Gäste schilderten, dass die Beiträge des Buches den Zustand der USA als „fadenscheinige Gesellschaft“ zeichneten: tiefe soziale Spaltung, Einsamkeit und ein negatives Image selbst bei Verbündeten widersprächen dem Mythos der unvergleichlichen amerikanischen Demokratie.
- Orania als Symbol für verzerrte Wahrnehmung Fairbanks kritisierte, die winzige, bewusst segregierte weiße Siedlung Orania werde in US-Medien immer wieder überproportional als Beleg für fortwährende weiße Opferrolle oder unversöhnlichen Rassismus dargestellt, obwohl sie für das moderne Südafrika völlig untypisch sei und die Mehrheit der Weißen die Apartheid längst aufgegeben habe.
- Apartheid schadete auch der weißen Bevölkerung Sie argumentierte, das Apartheidregime habe Weiße durch Militärdienst, Zensur und eine ständige Terrorangst traumatisiert; die weiße Bevölkerung habe dennoch 1992 mit 62 % für die Abschaffung des Systems gestimmt, was zeige, dass privilegierte Gruppen sehr wohl Macht abgeben könnten – anders als es das rechte Narrativ in den USA unterstelle.
- US-Außenpolitik als Innenpolitik mit anderen Mitteln Schwartz und Fairbanks verwiesen darauf, dass die Trump-Regierung auf dieser verzerrten Folie Strafzölle gegen Südafrika verhänge und „weiße Flüchtlinge“ aufnehmen wolle, ohne die tatsächlichen Verhältnisse zu kennen – reale lokale Perspektiven und eigene historische Erfahrungen des Landes würden ignoriert.
Einordnung
Das Gespräch liefert eine differenzierte Dekonstruktion rechter Mythen über Südafrika und zeichnet nach, wie historische Ängste der USA auf das Land projiziert werden. Fairbanks’ Essay wird mit reichem empirischem Material und Gespür für die Ambivalenzen der südafrikanischen Gesellschaft vorgestellt. Die Diskussion zeigt konkret, wie aus ideologischen Versatzstücken handfeste politische Maßnahmen (Zölle, Aufnahmeprogramme) werden können. Dadurch wird eine nötige Brücke zwischen medialen Narrativen und realer Außenpolitik geschlagen.
Etwas kurz kommt die kritische Reflexion darüber, dass auch linksliberale US-Medien mitunter klischeehafte oder paternalistische Bilder Südafrikas pflegen. Fairbanks streift dieses Problem nur, ohne es systematisch zu vertiefen. Zudem bleiben die ökonomischen Interessen, die hinter der US-Sanktionspolitik stehen könnten, unerwähnt. Die Analyse stützt sich hauptsächlich auf Journalist:innen und Intellektuelle; unmittelbare Stimmen etwa von südafrikanischen Landarbeiter:innen oder Gewerkschaften fehlen. Die Qualität der historischen Argumentation und die erfrischende Perspektive von außen auf die USA machen die Episode dennoch besonders hörenswert – nicht zuletzt, weil Fairbanks’ Hinweis, viele weiße Südafrikaner:innen fühlten sich heute „viel besser als unter der Apartheid“, dem verbreiteten Pessimismus über diverse Gesellschaften etwas entgegensetzt.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie rechte Propaganda internationale Stereotype kapert und wie die Geschichte Südafrikas ein Gegenmodell zum Kulturpessimismus bieten kann.
Sprecher:innen
- Tyler McBrien – Managing Editor, Lawfare
- Eve Fairbanks – Schriftstellerin und Journalistin in Johannesburg
- Madeleine Schwartz – Gründerin und Chefredakteurin von The Dial