Die globale Ordnung, so die gemeinsame Bestandsaufnahme von Maja Göpel und Christoph Hein, verschiebe sich gerade fundamental. Statt vereinbarter Regeln bestimmten zunehmend rohe Machtinteressen und der Zugriff auf Territorien und Rohstoffe das wirtschaftliche Handeln von Staaten. Der Begriff „Geoökonomie“ diene als Schlüssel, um zu verstehen, wie Geographie – Bodenschätze, Wasser, Handelswege – politische und ökonomische Strategien präge. In ihrem Gespräch zeichnen die beiden die ideengeschichtlichen Wurzeln dieses Denkens nach, von der Seidenstraße bis zur nationalsozialistischen „Blut und Boden“-Politik, und verhandeln die Frage, wie Europa in einer zunehmend konfliktiven Welt Stabilität schaffen kann. Eine zentrale, von Göpel stark gemachte Prämisse bleibt dabei im Diskurs jedoch eigentümlich abgekoppelt: dass die eskalierenden Verteilungskämpfe direkt mit der Überschreitung der planetaren Grenzen zusammenhängen.
Zentrale Punkte
- Ein Begriff, zwei Traditionen Der Begriff Geoökonomie sei in den 1920er Jahren von zwei deutschen Ökonomen geprägt worden, die gegensätzliche politische Wege gingen. Während Dix eine aggressive, auf territoriale Aneignung zielende Variante vertreten habe, die in den Nationalsozialismus mündete, habe Röpke für eine liberale, auf Austausch basierende Ordnung gestanden. Diese Ambivalenz – Kooperation oder Konfrontation – sei dem Konzept bis heute eingeschrieben.
- Die Rebellion der Schwellenländer Die von westlichen Staaten gesetzte „regelbasierte Ordnung“ werde zunehmend als Herrschaftsinstrument wahrgenommen, das Entwicklungsländer systematisch benachteilige. China nutze dieses Misstrauen geschickt aus, indem es mit Infrastrukturprojekten wie der neuen Seidenstraße schnelle Hilfe biete, diese jedoch oft in Schuldenfallen und Abhängigkeiten verwandele. Für Europa entstehe daraus die Chance, sich als verlässlicherer Partner anzubieten.
- Von der Geoökonomie zur Klimafrage Göpel und Hein stellen gemeinsam fest, dass die Geoökonomie-Debatte eine entscheidende Dimension ausblende: die planetaren Grenzen. Die zunehmende Konflikthaftigkeit sei kein Ausdruck politischen Irrsinns, sondern die direkte Folge davon, dass um ein schrumpfendes Ressourcenbudget gekämpft werde. Genau diese Verknüpfung fehle im aktuellen Diskurs, der den US-Präsidenten als isoliertes Problem behandle.
Einordnung
Das Gespräch überzeugt durch seine historische Tiefenschärfe und die klare analytische Trennung verschiedener Traditionen des geoökonomischen Denkens. Anstatt den Begriff reflexhaft zu verurteilen, arbeiten Göpel und Hein seine wechselvolle Geschichte und seine Offenheit für unterschiedliche politische Projekte heraus. Besonders stark ist der von Hein eingebrachte Perspektivwechsel, der die westliche „regelbasierte Ordnung“ aus Sicht der Schwellen- und Entwicklungsländer kritisch auf ihre Machtasymmetrien hin befragt. Dadurch gewinnt die Diskussion an argumentativer Differenzierung.
Die zentrale analytische Leistung der Episode liegt jedoch in einer kritischen Diagnose, die sie am eigenen Gegenstand übt. Göpel und Hein decken übereinstimmend auf, dass der Mainstream-Diskurs zur Geoökonomie – und damit auch ihr eigenes Thema – seinen eigenen Entstehungsgrund systematisch verdrängt: die ökologischen Grenzen des Planeten. „Mir fehlt das komplett in der Debatte gerade“, lautet Göpels programmatischer Einwand. Die geopolitischen Spannungen würden als bloße Willkür eines Präsidenten dargestellt, nicht als Verteilungskampf um schwindende Ressourcen. Diese immanente Kritik gibt der Episode eine selbstreflexive Qualität; die nötige Konsequenz, diesen Gedanken nun zum Leitfaden einer alternativen, ökologisch fundierten Geoökonomie zu machen, bleibt das Gespräch aber schuldig. Die in Aussicht gestellten „enormen Chancen für Europa“ werden nicht inhaltlich mit dieser Erkenntnis abgeglichen, sondern verbleiben im Denkrahmen einer strategisch-wettbewerbsfähigen EU.
Hörempfehlung: Ein lohnenswertes Gespräch für alle, die die Ideengeschichte hinter dem oft schlagwortartig gebrauchten Begriff „Geoökonomie“ verstehen und die westliche Perspektive kritisch hinterfragt sehen wollen.
Sprecher:innen
- Maja Göpel – Transformationsforscherin, Moderatorin von „Neu Denken“ und Autorin
- Christoph Hein – Langjähriger FAZ-Korrespondent in Asien, Autor von „Geoökonomie“