Gianni Infantino, Präsident des Fußballweltverbands FIFA, hat sich auf dem Kongress im April 2026 in Vancouver erneut als unangefochtener Machthaber präsentiert. Der Kern seiner Strategie, so schildert es Reporter Robert Kempe, sei eine Mischung aus Abschottung gegenüber kritischen Medien und dem permanenten Ködern der Mitgliedsverbände mit immer höheren Entwicklungsgeldern. Als Grundlage dafür diene die extreme Kommerzialisierung der Weltmeisterschaft, etwa durch teure Tickets. Auffällig sei zudem, wie selbstverständlich Infantino die FIFA in den Dienst der Politik des damaligen US-Präsidenten Donald Trump gestellt habe – ein Verhalten, das dem selbstauferlegten Grundsatz der politischen Neutralität des Verbands diametral entgegenstehe. Die meisten nationalen Verbände, darunter auch der DFB, schwiegen jedoch zu diesen Entwicklungen.

Zentrale Punkte

  • Abschottung und Geld als Machtinstrument Die FIFA erschwere Journalist:innen gezielt die Arbeit, indem sie den Zugang zu Offiziellen unterbinde und Medien strukturell als Gegner behandle. Infantinos stetes Versprechen von Rekordsummen für Entwicklungsprogramme – in Vancouver 2,7 Milliarden Dollar – sichere ihm die Loyalität der abhängigen Verbände und mache interne Kritik fast unmöglich.
  • Die Politisierung durch die Nähe zu Trump Infantino habe eine beispiellos enge Beziehung zu Donald Trump gepflegt. Er sei ständig in dessen politischem Umfeld aufgetreten und habe einen eigens erfundenen „Friedenspreis“ an Trump verliehen. Beobachter:innen sähen darin einen klaren Verstoß gegen den FIFA-Ethikkodex und einen Beleg dafür, wie die FIFA bewusst zum politischen Werkzeug autoritärer Regierungen werde.
  • Innere und äußere Kritiklosigkeit Auf dem Kongress selbst sei kaum Widerspruch laut geworden. Infantinos Versuch, einen symbolischen Handschlag zwischen den Fußballverbänden Israels und Palästinas zu inszenieren, scheiterte zwar, doch seine erneute Kandidatur wurde ohne Gegenstimme hingenommen. Wirksame Korrektive gebe es nicht – weder eine unabhängige Ethikkommission noch ein DFB, der seine Verantwortung wahrnehme, noch eine Sportpolitik, die eingreife.

Einordnung

Die Stärke dieser „Sport inside“-Folge liegt in der dichten Reportage aus Vancouver. Robert Kempe schildert sehr anschaulich die Mechanismen der Machtsicherung: die Schikanen gegen Medien, die Inszenierung des Kongresses als reine Akklamationsveranstaltung und die konkrete Wirkung finanzieller Abhängigkeiten. Durch die Einordnung des Experten Nicholas McGien und den Rückblick auf die versprochenen Reformen nach 2015 gelingt es, die Entwicklung der FIFA unter Infantino präzise als Wandel von einer „dysfunktionalen“ zu einer potenziell „gefährlichen“ Organisation zu skizzieren. Auch die detaillierte Beschreibung der bizarren Vorgänge um den Trump-Friedenspreis macht die politische Grenzüberschreitung plastisch erfahrbar.

Auffällig ist jedoch, dass die Perspektive Infantinos und seiner Unterstützer:innen völlig außen vor bleibt. Er selbst kommt nicht zu Wort, und obwohl sein Handeln als strategisch geschildert wird, bleibt sein eigentliches Motiv – etwa das Streben nach globalem politischem Einfluss jenseits des Sports – eine Leerstelle, die nur von außen interpretiert wird. Die Diskussion setzt zudem voraus, dass Kommerzialisierung und politische Einflussnahme grundsätzlich problematisch sind, ohne zu erörtern, ob und wie ein Weltverband überhaupt unpolitisch agieren könnte. Dass Infantino „die Macht hat, aber nicht unbedingt geliebt wird“, bringt das atmosphärische Kernproblem auf den Punkt: „Er stand da vorn und ich glaube, die ersten zwei, drei Reihen vor ihm standen dann auf und applaudierten. Und weil viele schon eigentlich im Prozess waren, den Kongress zu verlassen […] so dass dieser Applaus für einen Präsidenten, der sagt, ich trete wieder an […] Das fand da überhaupt gar nicht statt.“ Diese Beobachtung eines verpufften Triumph-Moments entlarvt das brüchige Fundament seiner Macht mehr als jede Analyse.

Sprecher:innen

  • Nora Hespers – Host des WDR-Podcasts „Sport inside“
  • Robert Kempe – Sportjournalist und Reporter für „Sport inside“