Im neunten Gespräch der Reihe "Der Mensch ist mehr als seine Krankheit" diskutieren die Moderatorin und die systemische Therapeutin Ursula Pabsch anhand zweier konkreter Fälle, wie Fristversäumnisse in der Reha-Antragstellung entstehen und welche persönlichen wie systemischen Lernmöglichkeiten sich daraus ergeben. ### 1. Organisatorisches Disaster durch Fristüberschreitung Pabsch schildert zwei fast identische Fälle: Zwei Schlaganfall-Patienten verpassten wegen unterlassener oder verspäteter Antragsbearbeitung die Anschlusshilfe. Im zweiten Fall sei die Rehaklinik sogar vier Wochen lang ohne Kostenzusage behandelt worden – "ein organisatorisches Disaster". ### 2. Persönliche Verantwortung versus Systemfehler Sie räume ein, dass sie die Anträge "einfach aussortiert" habe, weil "sehr viel los war". Gleichzeitig weise sie darauf hin, dass Vertretungen, hohe Arbeitsbelastung und fehlende Kontrollschleifen die Wahrscheinlichkeit für solche Fehler erhöhen würden. ### 3. Offener Umgang statt Vertuschung Beide Male habe sie den Patienten unmittelbar informiert, einen "mehr Kulpa-Brief" an die Rentenversicherung geschickt und um Kulanz gebeten – mit Erfolg. Offenheit sei nicht nur ethisch geboten, sondern verhindere auch psychosomatische Folgen: "Verheimlichen ist nicht gut, das schlägt auf dem Magen." ### 4. Fehlerkultur als Teamthema Pabsch plädiert dafür, Fehler regelmäßig im Team zu reflektieren und als "Lerngeschenke" zu nutzen. Junge Kolleg:innen bräuchten Unterstützung, um "die Angst vor den eigenen Fehlern" abzulegen und Gelassenheit zu entwickeln. ### 5. Sozialdienstliche Lyrik als kreative Lösung Als praktischen Trick verrät sie, Antragsrückstände mit kreativer Sprache („Sozialdienstliche Lyrik“) zu kommunizieren, um auch in heiklen Situationen Lösungen zu finden. ## Einordnung Die Episode wirkt wie ein ehrliches, fast therapeutisches Selbstgespräch: Pabsch benennt ohne Beschönigung ihre eigenen Versäumnisse und nutzt diese als Katalysator für systemisches Lernen. Die Moderatorin bleibt stets affirmativ, ohne kritisch nachzufragen; stattdessen wird die systemische Haltung – alles habe seine guten Gründe – zur entschuldigenden Rahmung. Interessant ist, wie persönliche Verantwortung und strukturelle Überforderung nebeneinander stehen, ohne dass klare Konsequenzen für die Arbeitsorganisation formuliert werden. Die Folge bietet wertvolle Einblicke in die psychische Belastung von Sozialarbeiter:innen, bleibt aber in der Analyse der tatsächlichen Machtverhältnisse und Ressourcenfragen oberflächlich. Wer konkrete Verbesserungsvorschläge für Klinikabläufe sucht, wird kaum fundierte Hinweise finden – wer aber ein Beispiel für gelingende Fehlerkultur sucht, bekommt eine berührende Geschichte geliefert. Hörempfehlung: Ja, wenn du dich für empathische Selbstreflexion und systemisches Denken in der Sozialarbeit interessierst – mit dem Bewusstsein, dass hier keine kritische Organisationsanalyse geleistet wird.