Im Vortrag auf der re:publica 26 analysiert Soziologe Nils C. Kumkar das Phänomen der gesellschaftlichen Polarisierung. Er argumentiert, dass die allgegenwärtige Sorge um eine Spaltung der Gesellschaft weniger auf tatsächlich auseinanderdriftenden Meinungen beruht, sondern vielmehr ein Produkt unserer Kommunikationsstrukturen ist. Kumkar diagnostiziert eine "kommunikative Polarisierung": In sozialen Medien, der Politik und den Massenmedien wird aus unterschiedlichen Gründen eine Zweilager-Konstellation inszeniert und unterstellt, um Komplexität zu reduzieren, Aufmerksamkeit zu erzeugen und politische Mobilisierung zu betreiben. Besonders kritisch sieht er, wie die extreme Rechte diese Logik strategisch ausnutzt, um als fundamentaler Gegenpol maximale diskursive Präsenz zu erhalten.

Das zentrale Paradox: Empirisch kaum nachweisbare Meinungspolarisierung bei extremer Sorge

Kumkar zufolge finde die empirische Sozialforschung in Deutschland "einfach gar keine" durchgängige Spaltung in zwei Meinungslager. Die meisten Menschen seien sich bei den meisten Themen überraschend einig, und wo sie sich streiten, ginge es "wild durcheinander". So bedeute eine strengere Migrationspolitik nicht automatisch die Ablehnung von Corona-Maßnahmen oder Ukraine-Hilfen. Dennoch sei die Sorge um Polarisierung "through the roof".

Polarisierung als kommunikatives Ordnungsmuster statt als Einstellungsproblem

Der Vortragende verweist auf soziologische Forschung, die zeige, dass Menschen unter Polarisierung keine Meinungen, sondern scheiternde Kommunikation verstehen. Ihre Beispiele seien Talkshows, Streitigkeiten oder Proteste. "Keiner von ihnen redet von politischen Meinungen", betont Kumkar. Daher müsse man sich die Kommunikationssituationen ansehen, "viel mehr als sich ständig zu fragen, was in ihren Köpfen los ist". Polarisierung sei ein plausibles Muster zur Komplexitätsreduktion in einer "sich massenmedial selbstbeobachtenden Publikumsdemokratie".

Social Media als Generator von Missverständnissen und Lagerdenken

Auf Plattformen wie Twitter oder Bluesky erlebten Nutzer:innen die Gesellschaft als polarisierter. Die Struktur dieser Plattformen – prinzipiell unzählige, füreinander nur durch Texte sichtbare Menschen ohne gemeinsames Thema – sei eine "grandiose Komplexitätsüberlastung". Die Teilnehmenden lösten dies zuverlässig, "indem sie Polarisierung unterstellen". In der Folge erzeugen sie laut Kumkar im Resultat "genau die Konfliktkonstellation mit[...], auf die sie dann reagieren", was eine große "diskursive Aktivierung" bewirke.

Politische Parteien als Verstärker und Profiteure des Lagerdenkens

Parteien böten mit ihren Programmen eine "möglichst logisch erscheinende Verkettung von politischen Positionen" an, die es in der Bevölkerung so nicht gebe. Zentral sei jedoch die negative Identifikation: Menschen wählten eine Partei, weil sie gegen andere sei. Kumkar zitiert eine Nachwahlbefragung, wonach 72 % der SPD-Wähler:innen in Brandenburg die SPD gewählt hätten, "um eine starke AfD zu verhindern". Scharfer politischer Konflikt motiviere das Publikum zur Wahl und erzeuge Dringlichkeit.

Die Strategie des Rechtspopulismus: Sich erfolgreich als negativer Pol einklinken

Der Aufstieg der extremen Rechten sei laut Kumkar kein Ausdruck von Polarisierung, sondern verdanke sich einer Strategie. Diese bestehe darin, "sich als der negative Pol in das präetablierte Polarisierungsschema einzuklinken". Der AfD gelinge es so, "50 % des Diskursraums" zu besetzen, egal wie klein sie sei, da die gesamte Kommunikation – ob Einladung oder Nicht-Einladung – um sie kreise. Das Gefühl, mit der AfD "die Politik abwählen" zu können, verleihe Wähler:innen ein Gefühl der Selbstwirksamkeit, das anderswo "so billig gerade nirgendwo sonst" zu bekommen sei.

Einordnung

Der Vortrag besticht durch eine klare Argumentationsstruktur, die eine scheinbar intuitive Annahme – die Gesellschaft sei zunehmend in ihren Meinungen polarisiert – systematisch dekonstruiert. Die Stärke liegt in der empirischen Fundierung und der präzisen Unterscheidung zwischen Meinungs-, Einstellungs- und Kommunikationspolarisierung. Kumkar verschiebt den Analysefokus geschickt von den Köpfen der Bürger:innen hin zu den strukturellen Logiken der Arenen, in denen Politik verhandelt wird. Rhetorisch arbeitet er mit einer publikumsnahen, teils lakonischen Sprache, die komplexe soziologische Konzepte zugänglich macht und durch gezielte Pointen ("Magic") auflockert.

Kritisch zu betrachten ist die Dominanz einer systemfunktionalistischen Perspektive, die Akteur:innen primär als Reagierende auf unhintergehbare Kommunikationslogiken zeichnet. Dadurch geraten intentionale politische Gestaltungsspielräume und Machtasymmetrien jenseits der extremen Rechten etwas aus dem Blick. Die Analyse der Massenmedien bleibt auf den Nachrichtenwert des Konflikts beschränkt; Fragen nach Besitzverhältnissen oder redaktionellen Tendenzen werden nicht gestellt. Zudem fehlt eine tiefergehende Betrachtung der ökonomischen Interessen von Plattform-Konzernen, deren Algorithmen die beschriebene Komplexitätsüberlastung und das Lagerdenken nicht nur passiv bereitstellen, sondern aktiv forcieren. Visuell untermauert der professionelle Konferenzrahmen mit klarer Gliederung auf der Leinwand und akademischer Affiliation den Autoritätsanspruch des Sprechers.

Der Vortrag ist ein intellektuell anregender Beitrag, der eine eingeengte Debatte weitet und einen Ausweg aus der Hilflosigkeit gegenüber "Polarisierung" bietet, indem er das Problem vom Meinungskampf auf die Kommunikationsverhältnisse verlagert. Die Stärke ist zugleich eine Schwäche: Die elegante Erklärung kommunikativer Mechanismen droht die materielle Gefährlichkeit der politischen Inhalte, um die es dabei geht, diskursiv in den Hintergrund zu rücken. Eine Sehempfehlung für all jene, die das Unbehagen an der politischen Debatte besser verstehen wollen – verbunden mit der Mahnung, darüber die Notwendigkeit inhaltlicher Auseinandersetzung nicht zu vergessen.