Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum ziehen Adam Tooze und Cameron Abadi eine wirtschaftliche Zwischenbilanz. Ausgangspunkt ist eine Schätzung des britischen Haushaltsamts, wonach das Vereinigte Königreich langfristig rund vier Prozent an Volkseinkommen durch den EU-Austritt verlieren werde. Das Gespräch kreist um die Frage, wie sich die tatsächlichen Kosten überhaupt beziffern lassen – und welche politischen Rechnungen dabei nie aufgingen. Als selbstverständlich gesetzt wird, dass wirtschaftliche Prosperität der zentrale Maßstab für die Bewertung des Brexits sei; Verteilungsfragen oder demokratietheoretische Perspektiven spielen kaum eine Rolle. Stattdessen dominiert eine technokratische Logik, in der Wachstumsverluste und Produktivitätseinbußen als objektive Wahrheiten verhandelt werden, während die politischen Triebkräfte des Brexits – Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit – zwar benannt, aber ökonomisch abgehandelt werden.

Zentrale Punkte

  • Die Kunst der kontrafaktischen Methode Um den Brexit-Schaden zu messen, würden Ökonom:innen mit synthetischen Vergleichsgruppen arbeiten – etwa einem Durchschnitt ähnlicher Volkswirtschaften. Dieses „synthetische Großbritannien“ zeige einen Einbruch von sechs bis acht Prozent beim Bruttoinlandsprodukt, deutlich mehr als offizielle Behörden veranschlagten.
  • Überraschende Profiteure des Schadens Entgegen den Absichten der Leave-Kampagne sei die Migration nicht gesunken, sondern habe sich geografisch verschoben: Personal aus Südasien ersetze EU-Bürger:innen im Gesundheitswesen. Zudem habe der Brexit knapp 100.000 neue Stellen im Staatsdienst geschaffen, um die zusätzliche Bürokratie zu bewältigen.
  • Nordirland als paradoxer Wachstumsgewinner Die Sonderlösung, die Nordirland zollrechtlich teils in der EU beließ, habe die Region zum einzigen Landesteil mit überdurchschnittlichem Wirtschaftswachstum gemacht. Die Wertschöpfung pro Kopf sei dort in zehn Jahren um 50 Prozent gestiegen, während der Rest des Königreichs stagniere – eine Ironie, die den unionistischen Kern der Konservativen Partei untergrabe.

Einordnung

Das Gespräch liefert eine nuancierte Bestandsaufnahme, die sich wohltuend von simplen „Projekt Angst“-Narrativen abhebt. Tooze entfaltet die methodische Komplexität der Schadensmessung, ohne in technisches Kauderwelsch zu verfallen – die Erklärung des „synthetischen Großbritannien“ macht statistische Verfahren greifbar. Die Stärke liegt im Aufzeigen unerwarteter Widersprüche: dass ausgerechnet der öffentliche Dienst und die nordirische Wirtschaft vom Brexit profitieren, während die versprochene Migrationskontrolle ausblieb, entlarvt die innere Logik des Projekts. Auch die europäische Perspektive wird zumindest ansatzweise eingebunden, etwa wenn es um die deutschen Beitragszahlungen geht.

Allerdings bleibt die Analyse in einer ökonomischen Komfortzone verhaftet, die politische Sprengkraft eher streift als ausleuchtet. Tooze nennt die Leave-Bewegung mehrfach „fremdenfeindlich“ und „rassistisch“, doch diese Einordnung wird nicht diskursiv untersucht, sondern als selbstverständlicher Befund abgehakt. Die Frage, warum ökonomische Warnungen vor dem Brexit so wirkungslos blieben – und welches Demokratieverständnis hinter dem „Volkswillen“ steckt –, wird nicht gestellt. Migrant:innen erscheinen primär als Arbeitskräfte für NHS und Pflege, nicht als Menschen mit eigenen politischen Interessen. Und die beiläufige Bemerkung, die EU habe 2015/16 „Gott weiß andere Sorgen gehabt, etwa den Krieg in der Ukraine“, wirkt angesichts der späteren Eskalation fast prophetisch, wird aber nicht eingeordnet. Ein Satz bringt die Brüsseler Verhandlungshaltung auf den Punkt: „Brussels will dictate the terms and until Britain wraps its head around that, no dice“ – hier zeigt sich die Asymmetrie, die Tooze als unabänderlich darstellt, ohne die demokratischen Implikationen für beide Seiten auszuloten.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen wollen, wie ökonomische Folgenabschätzung bei politischen Großereignissen funktioniert – und warum der Brexit vor allem die eigenen Architekt:innen widerlegte.

Sprecher:innen

  • Adam Tooze – Wirtschaftskolumnist bei Foreign Policy, Historiker an der Columbia University
  • Cameron Abadi – Stellvertretender Chefredakteur von Foreign Policy, Moderator