Der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman vertieft in dieser Ausgabe seine provokante These, dass die verbreitete Klage über Europas wirtschaftliches Zurückfallen hinter den USA auf einem fundamentalen Messfehler beruht. Sein zentraler Kritikpunkt entzündet sich an der üblichen Praxis, Produktivitätswachstum anhand konstanter Preise zu vergleichen. Diese Methode, so Krugman, zeichne ein irreführendes Bild, da sie die enormen Preisveränderungen durch technologischen Fortschritt nicht korrekt abbilde. Er spricht von einem scheinbaren "US-Europa-Paradox": Während die konventionelle Messung eine dramatisch wachsende Kluft in der Produktivität pro Arbeitsstunde anzeigt, bleibt der relative Wert der in Europa produzierten Güter und Dienstleistungen – gemessen an aktuellen Kaufkraftparitäten – gegenüber den USA erstaunlich stabil.
Zur Erklärung dieses Paradoxons führt Krugman die extreme Konzentration des Produktivitätsfortschritts auf den IT-Sektor an. In diesem Bereich, der nur rund acht Prozent der US-Wirtschaftsleistung ausmacht, aber fast die Hälfte des Produktivitätswachstums generiert, haben die USA durch historisch gewachsene Netzwerkeffekte eine globale Dominanz. Der entscheidende Punkt für Krugman ist jedoch, dass die Früchte dieses Fortschritts durch Wettbewerb in Form drastisch sinkender Preise an die gesamte Wirtschaft weitergegeben werden. "Die großen Vorteile der IT entstehen durch ihre Anwendung, nicht durch ihre Herstellung", schreibt er. Europa profitiere demnach als Anwender dieser billiger werdenden Technologien in vollem Umfang, ohne selbst große Tech-Konzerne hervorbringen zu müssen. Ein Vergleich mit US-Bundesstaaten untermauert sein Argument: Auch zwischen dem IT-Zentrum Kalifornien und dem Rest der USA klaffe eine riesige Lücke beim gemessenen Produktivitätswachstum, ohne dass dies als Zeichen des Niedergangs der anderen Staaten gewertet werde.
Die eigentliche Sorge Europas sollte daher nicht vermeintlich irreführenden Produktivitätsstatistiken gelten, sondern handfesten geopolitischen Risiken. In einer Welt, in der die USA nicht länger ein verlässlicher, regelbasierter Hegemon sind, werde die Abhängigkeit von außereuropäischen Technologien zu einer strategischen Verwundbarkeit. "In dieser neuen Welt kann Europa leider nicht sicher sein, immer Zugang zu neuen Technologien zu haben, die in den anderen Supermächten entwickelt werden", warnt Krugman. Das Risiko, von kritischen Technologien abgeschnitten zu werden, sei real und stelle eine fundamentalere Bedrohung dar als alle Diskussionen über Trends beim realen Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde.
Einordnung
Krugmans Text ist eine intellektuell elegante Dekonstruktion eines wirtschaftspolitischen Dogmas. Er zwingt dazu, den scheinbar objektiven Maßstab "Produktivitätswachstum" zu hinterfragen, und legt offen, wie sehr dieser von den spezifischen Preiseffekten eines einzelnen Sektors verzerrt wird. Seine Argumentation ist konsistent, die Analogie zu inneramerikanischen Unterschieden veranschaulichend. Allerdings blendet die starke Fokussierung auf die Preisweitergabe von IT-Innovationen andere Dimensionen des Wirtschaftens weitgehend aus. Fragen nach der Verteilung der enormen Gewinne aus dem Tech-Sektor, nach Machtkonzentration und digitaler Souveränität jenseits von Zugangsrisiken, oder nach der Qualität von Arbeit in einer reinen "Anwender-Ökonomie" werden nicht gestellt. Das Framing läuft Gefahr, wirtschaftlichen Erfolg auf eine reine Konsument:innenperspektive zu reduzieren, in der Europa gut wegkommt, solange es nur günstig auf US-Technologie zugreifen kann.
Die Ausgabe ist uneingeschränkt lesenswert für alle, die sich mit Wirtschaftspolitik beschäftigen, da sie eine dominante, oft unkritisch übernommene Erzählung wirkungsvoll erschüttert. Sie bietet eine wertvolle, wenngleich nicht unangreifbare Gegenperspektive zum wirtschaftspolitischen Alarmismus, der häufig von einem falsch verstandenen Produktivitätsbegriff ausgeht.