In dieser 2019 erstausgestrahlten Folge nähern sich der Moderator John Mitchinson, sein Co-Moderator Andy Miller und die Gastautorin Preti Taneja Toni Morrisons Roman Beloved (1987) an. Der Roman wird von allen Beteiligten von Beginn an als unbestreitbares, zentrales Meisterwerk der US-amerikanischen Literatur gesetzt. Diese Rahmung, die die Größe des Werks als unverrückbaren Ausgangspunkt nimmt, prägt die gesamte Unterhaltung, die weniger eine kritische Debatte als vielmehr eine präzise und enthusiastische Lektüre ist. Taneja, die selbst bei Morrisons Verlag Knopf publiziert, entschlüsselt dabei vor allem die handwerkliche Genialität des Textes und zeigt auf, wie Morrison mit Sprache politische und ästhetische Sphären untrennbar miteinander verwebt.
Zentrale Punkte
- Vielschichtige Sprache Morrison verdichte in jedem Satz multiple Bedeutungsebenen, argumentiert Taneja. Sie führe das Unheimliche in alltägliche Bilder ein und verbinde den menschlichen Körper untrennbar mit der materiellen Welt. Die Sprache selbst trage das Grauen und die Schönheit der Geschichte in sich und mache einen schnellen, oberflächlichen Konsum des Romans unmöglich.
- Umkehrung des Blicks Der Roman mache die „race“-bedingte Zurichtung der Welt untrennbar von einer künstlerischen Perspektive, so Taneja. Morrison löse die Trennung von Kunst und Politik auf und vollziehe eine ästhetische Umkehrung, indem sie ihren literarischen Vorgängern, etwa Faulkner, zeige, wie man die rassistischen Strukturen ihrer Zeit nicht ignorieren hätte dürfen.
- Literarische Selbstermächtigung Taneja beschreibt Beloved als ein Werk der Selbstermächtigung, das über die eigentliche Handlung hinausweise. Es biete jungen Women of Color die fundamentale Erkenntnis, „you are your own best thing“. Das Buch funktioniere als schützender und nährender Baum, unter dem andere Schreibende Zuflucht und Kraft für eigene, ungehörte Geschichten finden könnten.
- Die Kraft der Umbenennung Die ständige Subversion von Begriffen, wie die des Sklavenanwesens „Sweet Home“, das weder süß noch ein Zuhause gewesen sei, werde als zentrale erzählerische Strategie hervorgehoben. Durch diese sprachlichen Wendungen stelle Morrison scheinbar feststehende Konzepte infrage und lege die in ihnen verborgene historische und soziale Gewalt offen, was Taneja als hochgradig modernistisch einordnet.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in der ebenso leidenschaftlichen wie präzisen literarischen Analyse von Preti Taneja. Sie dekonstruiert Morrisons Prosa nicht nur, sondern vollzieht deren Funktionsweise in bemerkenswert klarer Sprache nach, etwa wenn sie das Lächeln der Figur Beloved als Verbindung von willkommener Freude und privatem Schrecken analysiert. Dieses Lächeln sage: „Ich weiß mehr als du und ich komme, um sicherzustellen, dass du es auch weißt.“ Das Gespräch lebt von einer tiefen Vertrautheit mit Morrisons Werk und ihrem Selbstverständnis, was durch eingespielte Originalaufnahmen der Autorin wirkungsvoll untermauert wird. Die Begeisterung der Runde ist intellektuell ansteckend und bietet eine fundierte Würdigung der schriftstellerischen Komplexität.
Durch den gesetzten Rahmen, dass es sich um ein unbestreitbares Meisterwerk handelt, bleibt die Diskussion jedoch eine fast ausnahmslos affirmative Feier des Textes. Ambivalenzen oder kritische Perspektiven auf den Roman, wie etwa die gelegentlich problematisierte Logik der Geisterfigur oder die Rezeption durch andere afroamerikanische Intellektuelle, werden nicht verhandelt. Die Brüche im Roman, die durchaus zu kognitiven Dissonanzen führen können, treten hinter der geschlossenen Bewunderung zurück. Während Taneja die sprachliche Verquickung von Körper und Natur meisterhaft herausarbeitet, wird die gesellschaftspolitische Wirkungsmacht des Romans zwar behauptet, aber nicht an konkreten Beispielen außerhalb der Wirkung auf Taneja selbst belegt. Es bleibt eine Episode für ein bereits zustimmendes Publikum, die das Werk glänzend erläutert, aber seine unhinterfragte Kanonisierung fortschreibt.
Hörempfehlung: Eine brillante, von großer Sachkenntnis getragene Einführung in die literarische Architektur von Beloved, die für alle, die den Roman lieben oder besser verstehen wollen, einen echten Mehrwert bietet.
Sprecher:innen
- Andy Miller – Co-Moderator von "Backlisted"
- John Mitchinson – Co-Moderator von "Backlisted"
- Preti Taneja – Schriftstellerin (u.a. "Aftermath") und Kennerin von Morrisons Werk