Matthias Brodkorb, ehemaliger SPD-Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, steht für eine Position, die in seiner eigenen Partei selten geworden ist. Im Gespräch mit Benjamin Scherp und Dominik Steffens argumentiert er, das deutsche Schulsystem leide unter einer „Tyrannei der Gleichheit". Versuche, gleiche Ergebnisse für alle Schüler:innen zu erzwingen, hätten flächendeckend zu sinkenden Leistungen geführt. Die zentrale Prämisse des Gesprächs ist dabei, dass die Politik eine grundlegende Tatsache verkenne: Menschen seien von Natur aus unterschiedlich begabt – auch genetisch.
Diese Unterschiede würden durch die schiere Menge an Reformen, die das System ständig umkrempelten, nicht etwa ausgeglichen, sondern eingeebnet. Um mehr Chancengleichheit herzustellen, werde das Anspruchsniveau kontinuierlich abgesenkt, was vor allem zulasten der leistungsstärksten Schüler:innen gehe. Brodkorb stellt sich damit bewusst gegen das sozialdemokratische Gründungsversprechen, dass jede:r alles erreichen könne, und verlangt eine radikale Abkehr vom Reformaktivismus hin zu einer Politik, die natürliche Unterschiede akzeptiert und Spitzenleistungen wieder fördert.
Zentrale Punkte
- Genetische Grenzen der Gleichheit Brodkorb behaupte, dass ein Teil der Intelligenzunterschiede zwischen Menschen genetisch bedingt sei. Selbst die Pisa-Studien setzten implizit eine natürliche Begabungsverteilung voraus, sprächen dies aber aus politischer Vorsicht nicht aus. Daraus folge für ihn, dass das Ziel der völligen Chancengleichheit eine Illusion sei.
- Reformhamsterrad als Tyrannei Die eigentliche Tyrannei übten Politik und Wissenschaft aus, die unablässig Reformen losträten, statt ihre falschen Grundannahmen zu prüfen. Dieses „Reformhamsterrad" verbrenne die Ressource Lehrkraft, die sich statt auf Unterricht auf ständige Systemumbauten konzentrieren müsse, was flächendeckend zu Frust führe.
- Absenkung des Niveaus statt Förderung Gesellschaftlich gewollte Gleichheit in den Ergebnissen werde nicht durch das Aufholen der Schwächeren erreicht, sondern durch das Absenken der Standards für alle. Als Beleg führt Brodkorb an, dass die Besten in Deutschland laut Pisa-Studie am schnellsten schlechter würden, was dann fälschlich als mehr „Bildungsgerechtigkeit" gelte.
- Neue Wege in der Lehrerausbildung Anstatt desuniversitären Theoriefokus, der die falschen Leute ins System lasse, brauche es eine duale Lehrerausbildung mit Eignungstests. Brodkorb schlägt vor, Lehramtsstudierende ab dem ersten Tag zu verbeamten, sie parallel in Schulen arbeiten zu lassen und das Studium handwerklich-praxisnah auf nur fünf Jahre zu verkürzen.
Einordnung
Das Gespräch präsentiert eine in dieser Deutlichkeit seltene, in sich geschlossene Fundamentalkritik an der Bildungspolitik. Brodkorb untermauert seine Thesen mit persönlicher Erfahrung als Minister sowie mit Verweisen auf Pisa-Daten und Intelligenzforschung – ein rhetorisch wirksamer Mix aus Anekdote und statistischem Verweis. Die Moderatoren Scherp und Steffens lassen ihn seine Argumente ausführlich entfalten und setzen mit Nachfragen immer wieder Impulse, die das Konzept schärfen, etwa zur Rolle des Beamtentums oder zum Aufstiegsversprechen. Diese stringente Zuspitzung macht die Position des Gastes sehr transparent.
Allerdings wird die Diskussion fast ausschließlich aus der Vogelperspektive geführt. Was als unhinterfragte Prämisse im Raum steht, ist die Annahme einer überwiegend linearen Vererbung von Intelligenz und sozialem Status. Brodkorb zeichnet das Bild eines weitgehend erschöpften Aufstiegsversprechens, ohne die Komplexität von Messverfahren für Intelligenz oder die Wirkmacht struktureller Barrieren detailliert zu problematisieren. Wendungen wie „wenn es ein richtiges Gymnasium ist" verraten ein sehr traditionelles, kaum hinterfragtes Bildungsverständnis. Der von Brodkorb provokant gesetzte Begriff der „Tyrannei der Gleichheit" zielt darauf ab, das Streben nach mehr Bildungsgerechtigkeit an sich zu delegitimieren, statt zwischen sinnvollen und überschießenden Gleichheitsideen zu differenzieren. Die Perspektive von Schüler:innen oder aktiv unterrichtenden Lehrkräften, die mit den täglichen Widersprüchen des Systems umgehen müssen, fehlt völlig.
Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die eine klare Gegenposition zum Mainstream der Bildungsdebatten verstehen wollen – Brodkorb liefert eine streitbare und pointiert vorgetragene Analyse.
Sprecher:innen
- Matthias Brodkorb – Ehem. SPD-Bildungsminister MV, Autor und Cicero-Kolumnist
- Benjamin Scherp – Co-Host des Podcasts Based
- Dominik Steffens – Co-Host des Podcasts Based