Im foodwatch-Podcast diskutieren Andreas Winkler und Anne Marie Botzki, warum Männer in Deutschland doppelt so viel Fleisch essen wie Frauen und wie ein wieder steigender Fleischkonsum zu erklären sei. Als zentrale Treiber identifizieren sie gezieltes Marketing der Fleischindustrie, die einen Rückgang stoppen wolle, sowie eine besonders in sozialen Medien verbreitete, traditionelle Vorstellung von Männlichkeit. So werde das Narrativ vom starken, Fleisch essenden Mann als vermeintlich natürliches Rollenbild gesetzt – eine Darstellung, die Botzki mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zur tatsächlichen Ernährung unserer Vorfahren konfrontiere und als historisch falsch einordne.

Zentrale Punkte

  • Der widerlegte Jägermythos Die Vorstellung, wonach der Mann historisch jagen ging, während die Frau sammelte, sei ein prägender, aber falscher Mythos. Tatsächlich habe Sammeln den Großteil der Ernährung gesichert und Fleisch sei nur gelegentlich verzehrt worden. Auch hätten Frauen gejagt, was das patriarchale Rollenbild infrage stelle.
  • Marketing für eine ungesunde Männlichkeit Influencer wie Joe Rogan oder Andrew Tate und die Initiative Fleisch verknüpften Fleischkonsum gezielt mit Männlichkeit, Stärke und Abenteuer. Dies falle auf fruchtbaren Boden bei Männern, die unter Druck stünden, ihre Männlichkeit ständig zu beweisen. Die Industrie manipuliere so bewusst eine Zielgruppe zu ungesunden Produkten hin.
  • Fleisch als paradoxes Gesundheitsrisiko Obwohl verarbeitetes Fleisch von der WHO als krebserregend eingestuft sei und der hohe Konsum mit Herzerkrankungen korreliere, werde das Produkt als gesund vermarktet. Gerade Männer seien die Leidtragenden dieser Erzählung, wobei Aufklärung den Konsum oft nicht senke, sondern aus Trotz sogar fördern könne.

Einordnung

Die Episode leistet eine aufschlussreiche Verknüpfung von Geschlechterforschung, Ernährungswissenschaft und Medienkritik. Die Argumentation, dass der steigende Fleischkonsum keine individuelle Entscheidung, sondern Ergebnis massiver industrieller und ideologischer Einflussnahme ist, wird mit konkreten aktuellen Beispielen wie der Marketingkampagne der Initiative Fleisch belegt. Die historische Widerlegung des Jägermythos entzieht der Vermarktung von Fleisch als „natürlicher Männlichkeit" punktgenau die Grundlage.

Allerdings bleibt die Analyse auf einer relativ abstrakten, binären Ebene der Gegenüberstellung von „Mann" und „Frau" stehen. Die entscheidende Frage, warum dieses Marketing gerade bei Männern aus bestimmten sozialen Schichten oder mit spezifischen politischen Einstellungen besonders verfängt, wird nicht tiefergehend statistisch oder soziologisch differenziert. Die starke Betonung des Drucks auf Männer hätte durch einen differenzierteren Blick auf Klasse oder Milieu ergänzt werden können, um das Phänomen nicht ausschließlich als einen Konflikt toxischer Rollenbilder zu zeichnen. Positiv hervorzuheben ist hingegen der Versuch, Männer nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer gesundheitsschädlicher Vermarktung zu betrachten: „Ey Leute, lebt wie ihr wollt, aber das kann man auf jeden Fall kritisch hinterfragen auch für sich selber und ich möchte auch keine billige Zielscheibe für die Industrie sein, die daran einfach nur voll viel Geld verdient."

Sprecher:innen

  • Andreas Winkler – Moderator und Mitarbeiter der Verbraucherorganisation foodwatch
  • Anne Marie Botzki – Mitarbeiterin von foodwatch, Expertin für das Thema der Folge