Mike Brock, der anonyme Autor hinter "Notes From The Circus", argumentiert in dieser Ausgabe nicht gegen klassische Verschwörungstheorien, sondern seziert ihre Funktion. Sein zentrales Gedankengebäude ruht auf einer fundamentalen Unterscheidung: Es gibt belegbare, operative Verschwörungen – wie Iran-Contra oder COINTELPRO – und es gibt die fantastischen, unbelegbaren Konstrukte wie Pizzagate oder QAnons "Sturm". Die eigentliche Pointe seiner Analyse liegt jedoch nicht in dieser Abgrenzung selbst, sondern in der Frage, wozu das Spektakel der absurden Theorie dient. Für Brock sind die wilden Spekulationen über adrenochromverarbeitende Eliten nichts weniger als die perfekte Tarnung. Sie saugen, so seine These, die gesamte gesellschaftliche Energie der "Verschwörungsentdeckung" auf und lenken von den realen, handfesten Projekten ab, die in aller Öffentlichkeit vorbereitet werden.

Als Kronzeugen dieser These ruft Brock James Pogue auf. Dessen Reportage in Vanity Fair aus dem Jahr 2022 habe nichts weniger als das Ende der amerikanischen Republik dokumentiert, und zwar mit den offenen Worten der Beteiligten. Brock zitiert die Schlüsselfiguren: JD Vance, der auf die Frage nach einer faschistischen Machtübernahme nur mit seiner Hoffnung auf eine maskuline Renaissance antwortet; den reaktionären Vordenker Curtis Yarvin, dessen Fantasien eines "nationalen CEO" oder eines "Retire All Government Employees" (RAGE) längst den Weg aus den Blogs in Reden von Senatoren gefunden haben; und Peter Thiel als finanziellen Architekten, dessen Geld das intellektuelle und politische Fundament dieser "Caesaristen" unterfüttert. "Das Stück war keine Warnung. Es war ein Namensaufruf", schreibt Brock und verweist darauf, dass die dort dokumentierten Pläne nun, da diese Männer in höchsten Regierungsämtern sitzen, mit tödlicher Präzision umgesetzt würden.

Das vielleicht schillerndste Beispiel für Brocks These von der Konversion der Tarnung in reale Macht ist Robert F. Kennedy Jr. Brock zeichnet ihn als jemanden, der vierzig Jahre lang ein Imperium auf den bizarrsten medizinischen Falschbehauptungen – von Impf-Autismus bis zur 5G-Gehirnwäsche – errichtete. Diese absurden Tarnkappen-Erzählungen, so Brock, schufen jedoch das millionenschwere Publikum und die politische Basis, die Kennedy als Gesundheitsminister nun nutzt, um die reale Verschwörung durchzuführen: die Demontage des regulatorischen öffentlichen Gesundheitswesens der USA. Der Deckmantel wird zum Personalbeschaffer, die Theorie zum Operator. Die galoppierenden Masernausbrüche und Kindstode seien die dokumentierten, realweltlichen Folgen dieser Verwandlung.

Unterfüttert wird dieses Bild durch eine tiefere Strukturanalyse. Brock identifiziert eine unheilige Allianz, eine "Rentier-Koalition", in der sich altes und neues Establishment die Hand reichen. Im Inneren des jahrzehntealten, auf Öl und Dollar basierenden außenpolitischen "Habits" – man denke an das Kissinger-Saudi-Abkommen von 1974 – habe sich eine neue, selbstbewusste Verschwörung eingenistet. Petro-Dollars, die in KI-Fonds wie MGX fließen, blähen Tech-Vermögen auf, die wiederum an die Wahlkampfmaschinerien und Denkfabriken der autoritären Neuen Rechten gespendet werden. Brock beschreibt dies nicht als explizit koordinierte Kette, sondern als ein perfekt justiertes System gleichgerichteter Anreize. Am Ende dieser Kette stehe die geplante Liquidierung der verfassungsmäßigen Ordnung, um genau jene undurchsichtigen Verflechtungen aus Petro-Milliarden und Tech-Macht vor Kontrolle zu schützen.

Einordnung

Die unbestreitbare Stärke dieser Analyse liegt in ihrer präzisen Arbeit an der Bewegungsschärfe: Brock bringt eine Fülle von öffentlich zugänglichem Material – einen Vanity Fair-Artikel, IRS-Steuerunterlagen, Buchmanuskripte – in ein schlüssiges, alarmierendes Narrativ. Die Argumentation ist ein wichtiges Korrektiv zur oft naiven Medienkritik am "False Balancing", da sie die Strategie des autoritären Lagers, völlige Offenheit mit unpolitischem Ablenkungslärm zu verschleiern, scharfsinnig benennt. Allerdings krankt der Text auch an einer methodischen Einseitigkeit. In der polemischen Wucht, mit der jegliche andere Erklärung eingeebnet wird, betreibt Brock selbst eine stark vereinfachende Rahmung. Die Motive der Wähler:innen, die diesen Kräften zur Macht verhalfen, werden implizit auf Irreführung reduziert. Materielle Abstiegsängste, kulturelle Verwerfungen oder genuin konservative Überzeugungen jenseits des Yarvin-Lagers werden in dieser Totalerzählung unsichtbar gemacht. Der Text pathologisiert den Gegner, statt reale soziale Dynamiken zu deuten, und setzt voraus, dass ein klarer, finsterer Plan von einer kleinen, allmächtigen Gruppe linear verwirklicht wurde – eine Interpretation, die in ihrer Stringenz selbst Züge einer großen, simplifizierenden Erzählung trägt.

Politisch erfüllt der Newsletter eine wichtige, wenn auch unangenehme Funktion als Frühwarnsystem. Für Leser:innen, die vor allem Bestätigung ihrer liberal-demokratischen Sorgen mit starker Rhetorik suchen, ist er ein zentraler Text. Wer jedoch ein Verständnis der breiteren gesellschaftlichen Triebkräfte hinter dem Aufstieg dieser Techno-Aristokraten sucht oder eine Einführung in die tatsächliche Denkstruktur der Neuen Rechten – inklusive ihrer inneren Widersprüche – erwartet, wird hier nicht fündig. Die radikale Klarheit des Textes ist zugleich seine größte Tugend und seine empfindlichste argumentative Schwachstelle.