Die Episode „Mentale Gesundheit am Arbeitsplatz. Was Unternehmen tun können.“ widmet sich den steigenden psychischen Erkrankungen im Erwerbsleben. Ausgehend von DAK-Daten zu Fehltagen wird die Frage verhandelt, welche Pflichten Arbeitgeber:innen haben und wie Prävention gelingen kann. Die Diskussion schwankt dabei zwischen rechtlichen Minimalanforderungen und dem Appell an eine fürsorgliche Unternehmenskultur.
Als selbstverständlich vorausgesetzt wird oft eine ökonomische Rationalität: Dass Unternehmen sich um mentale Gesundheit kümmern sollten, wird primär mit dem Fachkräftemangel und hohen Fehlzeiten begründet. Die Trennung zwischen arbeitsbedingter und privater Belastung wird als juristische Setzung reproduziert, obwohl die befragten Expert:innen gerade auf die Verschränkung beider Bereiche verweisen.
Zentrale Punkte
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Rechtliche Pflichten und ihre Grenzen Arbeitgeber:innen müssten gesetzlich vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilungen auch für psychische Belastungen durchführen. Wären diese jedoch erfüllt, könnten Betriebe psychische Erkrankungen als persönliches Problem der Mitarbeitenden deklarieren, wozu sie rechtlich nicht verpflichtet seien, etwas zu ändern.
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Unsichtbare Überleistung und Stigmatisierung Viele Betroffene versteckten ihre psychischen Probleme aus Angst vor Stigmatisierung. Es werde das Phänomen des „Livismus“ beschrieben, bei dem Erkrankte heimlich Überstunden machten, um Leistungslücken zu kompensieren, anstatt das Pensum zu reduzieren oder Hilfe zu suchen.
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Strukturelle Probleme als individuelle Krankheit Konflikte mit Führungskräften und Überlastung führten oft zu psychischen Erkrankungen, würden in den Betrieben aber häufig individualisiert. Es herrsche eine Kultur, derzufolge Mitarbeitende Belastungen allein bewältigen müssten, was strukturelle Defizite verschleiere.
Einordnung
Die Episode verbindet eindrückliche Betroffenen-Schicksale mit juristischer Klarheit und praktischen Lösungsansätzen. Sie legt offen, wie strukturelle Missstände in der Arbeitswelt individualisiert werden. So beschreibe Gümbel die verbreitete Unternehmenslogik: „da muss man klarkommen, wenn man hier arbeitet“. Schwach ist, dass unternehmerische Prävention fast ausschließlich ökonomisch begründet wird – durch „Fachkräftemangel“ und Fehltage. Das Recht auf mentale Gesundheit abseits der Verwertbarkeit bleibt blass. Zudem wird „Resilienz“ kritiklos als Standardmaßnahme genannt, obwohl sie oft individueller Selbstoptimierung dient und strukturelle Ursachen verdeckt.
Hörempfehlung: Für Beschäftigte und Führungskräfte, die ein Verständnis für die rechtlichen und kulturellen Dimensionen psychischer Gesundheit im Job suchen.
Sprecher:innen
- Viola – Betroffene Mitarbeiterin im öffentlichen Dienst (Pseudonym)
- Silke Franzen – Psychologische Psychotherapeutin und Buchautorin
- Michael Fullrott – Fachanwalt für Arbeitsrecht
- Michael Gümbel – Organisationsberater und Supervisor
- Uta Wakentin – Pflegekraft in psychiatrischer Klinik (Pseudonym)
- Bianca van Weinen – Betriebliches Gesundheitsmanagement, Rewe Group