Ein Live-Gespräch in der Berliner König Galerie, in dem zwei prominente öffentliche Stimmen klären wollen, wann man aufhört, links zu sein. Kolumnist Harald Martenstein, einst DKP-Mitglied, und Michael Roth, langjähriger SPD-Bundestagsabgeordneter, diskutieren ihre Abkehr von bzw. ihren Verbleib in der politischen Linken. Moderiert von Benjamin Scherp und Dominik Steffens, dreht sich die Debatte schnell nicht mehr um konkrete Politikfelder, sondern um die grundsätzliche Frage, was das Label „links" überhaupt bedeuten dürfe.

Beide Gäste setzen voraus, dass ein von ihnen als „woke" oder „identitätspolitisch" bezeichneter Diskurs die aktuelle Linke präge. Dieser Diskurs wird als zentraler Auslöser für politische Entfremdung verhandelt. Während Martenstein ihn als Grund für seinen vollständigen Bruch mit der Linken anführt, versucht Roth, ihn von seinem sozialdemokratischen Selbstverständnis abzugrenzen. Die Existenz eines toleranten, auf Individuum und Freiheit zielenden „klassischen" Linkseins wird von beiden als verbindender, aber durch neue dogmatische Strömungen bedrohter Wert beschrieben.

Zentrale Punkte

  • Wokeness als geschlossenes System Martenstein sehe in der heutigen „Wokeness" ein autoritäres Denksystem, das Menschen nach äußeren Merkmalen in gut und böse sortiere. Dieses „Menschensortieren" finde er menschenfeindlich und erinnere ihn an die intolerante Sektenstruktur, die er in seiner Zeit bei der DKP als Ausgrenzung erlebt habe.
  • Freiheit des Einzelnen vor Kollektiv Beide betonen die Freiheit des Individuums als zentralen linken Wert. Roth argumentiere, seine Kritik an Identitätspolitik speise sich aus dem Wunsch, eine vielfältige Gesellschaft zusammenzubringen, anstatt Menschen in Bubbles abzuschieben. Er sehe darin keinen Widerspruch zu einem sensiblen Blick für Diskriminierung.
  • Kritik an Religion als linker Tabubruch Die Möglichkeit, den Islam kritisch zu befragen, ohne als rassistisch zu gelten, wird als Beispiel für verengte linke Debattenräume angeführt. Roth sehe dies als Bedingung für ein freiheitliches Zusammenleben und zeige sich irritiert, dass seine auch an das Christentum gerichteten Fragen plötzlich geächtet würden.
  • Die verdrängten Opfer des Kommunismus Martenstein werfe der Linken vor, die Verbrechen des Kommunismus mit Hunderten Millionen Toten nahezu aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt zu haben, während die NS-Verbrechen stets präsent seien. Roth gesteht diesen blinden Fleck ein, warnt aber vor einer Relativierung der Singularität des Holocaust.

Einordnung

Das Gespräch gewinnt seine Spannung aus dem Aufeinandertreffen zweier ähnlicher Positionen aus unterschiedlichen organisatorischen Kontexten. Stärke ist die Bereitschaft beider Gäste, ihre eigenen politischen Irrtümer zu benennen und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Abgrenzung innerhalb linker Milieus nachvollziehbar zu schildern. Die Moderation hakt bei zentralen Begriffen nach und zwingt zur Klärung, etwa bei der Frage, wie scharf eine Grenze zwischen bloßer Sensibilität und autoritärer „Wokeness" überhaupt zu ziehen sei.

Allerdings bleibt die gemeinsame Bearbeitung der „Identitätspolitik" als Hauptproblem folgenreich lückenhaft. Es wird nicht präzisiert, welche konkreten politischen Kräfte oder Personen mit dieser als monolithisch dargestellten Bedrohung gemeint sind und welche realen Machtmittel sie besitzen. Die Perspektive derjenigen, für die identitätspolitische Kämpfe um Anerkennung eine existenzielle Notwendigkeit darstellen, wird lediglich in Anekdoten von Akzeptanz aufgelöst („der Bergmann steht Spalier“). Die wiederholte Rahmung von Wokeness als geschlossenem, quasi-religiösem „Denksystem“ dient der Entpolitisierung der damit verbundenen Gleichstellungsforderungen, deren legitimer Kern zwar kurz benannt, aber nicht ernsthaft diskutiert wird. So überrascht es nicht, dass beide Gäste ihre Position beziehen, ohne einander argumentativ wirklich herauszufordern. Wie Martenstein es auf den Punkt bringt: „Ich glaube, kein Mensch wird schuldig durch das, was er oder sie ist [...]. Und dieses Menschensortieren, äh das ist also äh bei der Linken ja auch gibt, nicht nur bei der Rechten." Das ist eine starke ethische Prämisse, die aber die strukturelle Dimension von Diskriminierung fast vollständig ausblenden kann, da sie im Gespräch nie mit einem Gegenargument konfrontiert wird.

Sprecher:innen

  • Benjamin Scherp – Co-Moderator von Based.
  • Dominik Steffens – Co-Moderator von Based.
  • Harald Martenstein – Kolumnist (u.a. Bild), früher DKP-Mitglied und langjähriger Zeit-Autor.
  • Michael Roth – SPD-Politiker, 27 Jahre Mitglied des Deutschen Bundestages.