Der Beitrag des Verfassungsblogs nimmt eine neue US-Handelsdirektive als Ausgangspunkt, die den Zugriff auf die leistungsstärksten KI-Modelle von Anthropic – Mythos und Fable 5 – an die US-Staatsbürgerschaft knüpft. Dargestellt wird dies als Zäsur: Staatsbürgerschaft fungierte historisch stets als zentrales Instrument, um Nichtwestliche von Chancen auszuschließen, während Europäer:innen, US-Amerikaner:innen und Israelis meist auf der privilegierten Seite standen. Nun, so die Analyse, wendet sich dieses koloniale Instrument erstmals gegen seine eigenen Profiteure. Konkret werde der Grenzverlauf durch die US-Doktrin des „deemed export“ in das Inland verlagert: Nicht der physische Standort, sondern allein der Pass einer Person entscheidet über den Zugang – selbst wenn die Person in Palo Alto oder New York arbeitet.
Diese Konstruktion verlagere die Ausschlussgrenze dorthin, wo sie auf den Körper der Fremden geschrieben sei, und treffe so auch europäische Forschende oder die Entwickler:innen der Modelle selbst. Die dual-use-Fähigkeiten von Mythos 5 – insbesondere in der Cybersicherheit – werden als reales Sicherheitsrisiko anerkannt. Doch der Autor insistiert, dass Staatsbürgerschaft ein „spektakulär schlechtes Instrument“ dafür sei: Die Gefahr liege in der Technik und ihrem Missbrauch, nicht im Pass der Nutzerin. Ein böswilliger US-Bürger könne die gleichen Schwachstellenscanner missbrauchen, während eine französische Sicherheitsforscherin ungefährlich sei. Die vermeintliche Sicherheitslogik entlarve sich so als „Kastenfilter“, zumal die fragliche „Jailbreak“-Methode längst über andere Systeme verbreitet sei.
Der besondere Alarm liegt für den Text darin, dass die Europäer:innen nun systematisch aus der Zukunftstechnologie ausgesperrt werden, während sie sich zuvor auf der privilegierten Seite der globalen Rechtshierarchie wähnten. Da Europa weder über vergleichbare Kapitalmassen, Chip-Zugang noch Rechenzentren verfüge und seine eigenen KI-Firmen weit zurücklägen, sei ein bloßes „Nachbauen“ der Technologie vorerst eine Fiktion. So werde der Ausschluss zum Moment, in dem das Werkzeug der kolonialen Kontrolle gegen seine Urheber:innen zurückschlägt – eine Entwicklung, die das globale Gefüge wertvoller und minderwertiger Staatsangehörigkeiten grundlegend erschüttern könnte.
Einordnung
Die Analyse bezieht sich fast ausschließlich auf eine postkoloniale und rassismuskritische Perspektive und blendet andere Sicherheitserwägungen aus, etwa die Sorge vor gezielter Industriespionage durch staatliche Akteure oder die unkontrollierte Proliferation von Cyberwaffen an autoritäre Regime. Die unausgesprochene Annahme, dass EU-Staaten per se vertrauenswürdig seien, ignoriert zudem, dass auch innerhalb der EU geheimdienstliche Aktivitäten stattfinden. Der Text läuft Gefahr, das europäische Betroffensein übermäßig zu dramatisieren und dabei die fortwährende gewaltförmige Ausgrenzung des Globalen Südens in den Hintergrund zu rücken. Lesenswert ist der Newsletter für alle, die eine zugespitzte völkerrechtliche und machtkritische Einordnung der Tech-Exklusion suchen; eine Lesewarnung gilt jenen, die eine ausgewogene Abwägung von Sicherheitsinteressen erwarten.