Der Rest ist Geschichte: DRiG live - Wird die US-Geschichte jetzt umgeschrieben?
Wie Donald Trump die amerikanische Geschichte umschreiben will und warum der Kampf um die Vergangenheit die US-Gesellschaft spaltet.
Der Rest ist Geschichte
75 min read4308 min audioIn der Live-Episode wird historisch hergeleitet, wie der amtierende US-Präsident Donald Trump die amerikanische Erinnerungskultur instrumentalisiere. Anhand fiktiver Nachrichteneinspieler zu Meilensteinen der US-Geschichte diskutieren Jörg Biesler und der Historiker Volker Depkat den Versuch, ein konfliktfreies, heldenhaftes Nationalnarrativ zu verordnen.
Die Gesprächsdynamik ist durch einen europäisch geprägten Blick auf die USA strukturiert, wobei das amerikanische Verständnis von Freiheit und radikaler Staatsskepsis wiederkehrend als fundamental andersartig dargestellt werde. Die Prämisse, dass kollektive Erinnerung nie objektive Wahrheit, sondern stets ein von Identitätspolitik und aktuellen Machtinteressen geprägtes Konstrukt sei, bildet dabei die unhinterfragte Basis des Dialogs.
### Zentrale Punkte
* **Trump als historische Radikalisierung**
Depkat argumentiere, Trump sei keine plötzliche Zäsur, sondern radikalisiere lediglich eine staatsfeindliche, konservative Entwicklung, die seit den 1980er Jahren bestehe.
* **Freiheit durch Entmenschlichung**
Die amerikanische Unabhängigkeit gründe auf einem Widerspruch, da das postulierte Freiheitsversprechen paradoxerweise die Ausgrenzung und Versklavung anderer vorausgesetzt habe.
* **Skepsis gegenüber dem Sozialstaat**
Amerikanischer Konservatismus werte staatliche Eingriffe, selbst zur Durchsetzung von Bürgerrechten oder Gleichheit, historisch als unzulässigen Eingriff in die individuelle Freiheit.
* **Rückkehr zum Konsens-Narrativ**
Trumps kulturkämpferische Politik ziele darauf ab, die von Bürgerrechtsbewegungen erkämpfte Vielfalt historischer Perspektiven wieder durch das harmonische Narrativ der 1950er Jahre zu ersetzen.
### Einordnung
Die Episode besticht durch eine tiefgehende historische Kontextualisierung, die Trumps Politik nicht als isolierten Skandal, sondern als logische Fortführung US-amerikanischer Ideengeschichte begreiflich macht. Positiv fällt auf, dass die oft emotionalisierte Debatte um Rassismus sachlich auf ideologische Grundkonflikte zwischen Individualismus und Staatsinterventionismus heruntergebrochen wird. Problematisch bleibt, dass marginalisierte Gruppen vorwiegend als historische Objekte weißer Politik besprochen werden, auch wenn vor deutschem Paternalismus in der Begrifflichkeit gewarnt wird. Dennoch gelingt es präzise offenzulegen, wie Exklusion diskursiv legitimiert wurde, da der Entzug von Rechten in den USA „immer mit einer angenommenen defizitären Menschlichkeit begründet“ worden sei. Am Ende verbleibt die Diskussion jedoch in einem harmonisierenden Rahmen, der den amerikanischen Traum trotz umfassender Dekonstruktion als teils funktionierendes Freiheitsversprechen rehabilitiert.
**Hörempfehlung**: Eine sehr lohnende Episode für alle, die tagesaktuelle US-Politik jenseits von reiner Empörung durch eine fundierte ideengeschichtliche Brille betrachten wollen.
### Sprecher:innen
* **Jörg Biesler** – Moderator und Journalist, führt fragend durch die Chronologie.
* **Volker Depkat** – Historiker und Amerikanist, liefert die Kontextualisierung.
* **Christiane Nothofer** – Co-Moderatorin, liest historische Nachrichteneinspieler.