Russlands massiver Drohnen- und Raketenangriff auf die Ukraine in dieser Woche, der im Podcast als einer der schwersten seit Kriegsbeginn bezeichnet wird, zwingt zur Frage nach der Gesamtlage. Die Korrespondentin Rebecca Barth deutet jedoch keine Wende an, sondern sieht eher Kontinuität. Die Hoffnungen, die an die vorangegangene Feuerpause geknüpft worden seien, hält sie für übertrieben. Im Gespräch mit Kai Küstner wird ein zentraler Wandel in der ukrainischen Haltung sichtbar: Statt als Bitsteller:in trete das Land zunehmend als selbstbewusste Militärmacht auf – nicht zuletzt, weil es durch die Unberechenbarkeit der USA unter Trump zur Selbsthilfe gezwungen sei.
Der zweite Teil der Episode analysiert Trumps Besuch in Peking. Stefan Niemann, ehemaliger China- und USA-Korrespondent, erkennt darin vor allem eine kühl kalkulierte chinesische Inszenierung. Ökonomische und geopolitische Eigeninteressen, etwa die Stabilität der Handelswege für Öl oder die Taiwan-Frage, würden von China unmissverständlich als Druckmittel eingesetzt.
Zentrale Punkte
- Feuerpause als überschätzter Begriff Die sogenannte Feuerpause vom Wochenende habe zu viel Optimismus geweckt, da sie weder vollständig gewesen sei noch die grundsätzliche Taktik Russlands verändert habe. Solche Angriffswellen seien vielmehr Teil eines rhythmischen Musters, nicht Zeichen einer Eskalation oder Deeskalation.
- Selbstbewusstsein durch Rüstungsinnovation Die Ukraine trete gegenüber den USA und Europa nicht mehr als Almosenempfängerin, sondern als Partnerin auf Augenhöhe auf – dank schneller Drohnenentwicklung und effektiver Abwehr. Die Abhängigkeit von unzuverlässigen Partnern werde aktiv durch Eigeninitiative kompensiert, womit das Land auch für Europäer als sicherheitspolitischer Partner interessant werde.
- Trump in Peking als chinesische Machtdemonstration Der Besuch sei auf chinesischer Seite keine Unterwerfung, sondern eine perfekt choreografierte Inszenierung gewesen. China instrumentalisiere Trumps Eitelkeit und schwächele als Schutzmacht, um die eigene Rolle als kommende Weltmacht zu inszenieren. Nur in der Taiwan-Frage zeige Xi unverhohlene Härte, ohne dass Trump öffentlich widerspreche.
Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in der erfahrungsgesättigten Einordnung der Korrespondent:innen. Rebecca Barth entzaubert den Begriff der „Feuerpause", indem sie darauf beharrt, Kriegsverläufe nicht an täglichen Ereignissen, sondern an langen Dynamiken zu messen. Stefan Niemanns Analyse des Trump-Besuchs ist präzise, weil sie die chinesische Handlungsmacht ins Zentrum rückt und den Besuch nicht durch die amerikanische, sondern die chinesische Brille liest. So wird etwa Trumps Schwäche nicht behauptet, sondern an der chinesischen Rezeption belegt.
Allerdings ist die Auswahl der Themen und Perspektiven limitiert. Der Fokus auf staatliche und militärische Akteure ist dem Format geschuldet, blendet aber die zivilgesellschaftliche ukrainische Perspektive auf den eigenen Staat fast vollständig aus. Der Preis des gestärkten ukrainischen Selbstbewusstseins – eine noch weiter militarisierte Gesellschaft – wird nicht thematisiert. Ökonomische Rahmungen („Kosten in die Höhe treiben" als strategisches Ziel) strukturieren die Diskussion, ohne auf ihre menschenrechtlichen Implikationen befragt zu werden.
Hörempfehlung: Für alle, die über Schlagzeilen hinaus die strategische Einordnung von zwei erfahrenen Korrespondent:innen suchen – mit kritischem Blick auf die Eigenlogik von Kriegsrhetorik.
Sprecher:innen
- Kai Küstner – Moderator, NDR Info
- Rebecca Barth – ARD-Korrespondentin in Kiew
- Stefan Niemann – Ehem. ARD-Korrespondent in Peking und Washington