Angesichts der polizeilichen Kriminalstatistik und Fällen wie Pelicot oder der Telegram-Gruppen, in denen Männer Tipps zur Vergewaltigung ihrer Partnerinnen austauschen, habe Laura Lukas mit zwei Experten gesprochen, die mit gewalttätigen Männern arbeiten: dem Sozialpädagogen Mario Stahr und dem Psychologen Björn Süfke. Beide ordneten männliche Gewalt nicht als individuelles Problem Einzelner ein, sondern als strukturelles – tief verwurzelt in einer patriarchalen Gesellschaft, die Jungen systematisch den Zugang zu ihren Gefühlen abtrainiere und Gewalt als legitimes Mittel männlicher Konfliktlösung normalisiere.

Die Sendung verstehe sich als Übung in „radikaler Empathie", die Erklärungen für Gewalt suche, ohne diese zu entschuldigen. Laura Lukas mache dabei von Anfang an transparent, dass sie sich auf einem schmalen Grat bewege: zwischen dem Versuch, Täter zu verstehen, und dem Wissen, dass Mitgefühl zuallererst den Opfern gelten müsse.

Zentrale Punkte

  • Gefühlsabwehr als Gewaltwurzel Der Kern männlicher Gewalt liege in der systematischen Abwehr von Gefühlen, die Jungen von klein auf antrainiert werde. Wer keinen Zugang zu Scham oder Trauer habe, dem fehle eine zentrale innere Hemmschwelle – denn Scham sei das Gefühl, das Menschen davon abhalte, Gewalt auszuüben.
  • Gewalt als normalisierter Bestandteil von Männlichkeit In der männlichen Sozialisation werde Gewalt als positiv und notwendig dargestellt – zur Konfliktlösung, zur Selbstbehauptung, zum Schutz von Frauen. Diese Prägung sei so tief, dass viele Täter ihr kontrollierendes und psychisch gewalttätiges Verhalten gar nicht als Gewalt wahrnähmen.
  • Die Grenzen des psychologischen Blicks Extreme Fälle wie Dominique Pelicot seien mit psychologischen Kategorien allein nicht zu fassen – hier versage auch die Expertenperspektive. Björn Süfke räume ein, dass diese geplanten, strategischen Taten nichts mit Impulskontrollproblemen zu tun hätten, sondern möglicherweise tatsächlich in den Bereich schwerer Persönlichkeitsstörungen fielen.
  • Prävention durch frühe Reflexionsräume Die wirksamste Gewaltprävention müsse früh ansetzen: Jungen bräuchten von Anfang an emotionale Bezugspersonen, die ihnen vorlebten, dass Gefühle, Fürsorglichkeit und Augenhöhe mit Frauen nicht unmännlich seien. Genau daran scheitere die Gesellschaft jedoch strukturell, etwa durch den eklatanten Mangel an Jungen- und Männerberatungsstellen.

Einordnung

Die Episode zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Reflexivität der Host aus, die ihre eigene Positionierung und die Gefahr, Täterverständnis über Opferperspektiven zu stellen, offen thematisiert. Die beiden Gäste bringen jahrzehntelange Praxiserfahrung aus der Täterarbeit mit und argumentieren konsequent aus einer profeministischen Haltung, die individuelle Psychologie und strukturelle Patriarchatskritik verbindet. Dass Björn Süfke an einer Stelle offen zugibt, extreme Gewaltformen nicht erklären zu können, ist eine seltene und journalistisch wertvolle Ehrlichkeit – sie vermeidet die Überhöhung psychologischer Deutungsmacht.

Die zentrale analytische Rahmung – Gefühlsabwehr als patriarchales Kernprodukt – ist schlüssig, wird aber kaum in ihren Begrenzungen reflektiert. Dass auch Männer mit gutem Gefühlszugang gewalttätig werden können oder dass emotionale Kompetenz allein strukturelle Machtverhältnisse nicht auflöst, bleibt unausgesprochen. Zudem reproduziert die Suche nach psychologischen Ursachen implizit die Annahme, Gewalt sei vor allem ein Problem gestörter Individuen – eine Spannung, die Laura Lukas durch den eingeführten Begriff der „coercive control" zwar anspricht, aber nicht auflöst. Das Gespräch mit Anna Röhrensteker, die für einen stärker juristisch-strukturellen Blick plädiert, wird nur referiert, ohne dass die unterschiedlichen Perspektiven – Therapie versus Recht – wirklich miteinander ins Gespräch gebracht werden.

Eine Stärke der Episode liegt darin, dass sie Männlichkeit als Konstruktion sichtbar macht, ohne in biologistische oder essentialistische Erklärungen abzugleiten. Schade ist, dass die soziale Dimension – etwa die von Gwen Adshead im Podcast selbst erwähnte Verbindung von Gewalt und prekären Lebenslagen – kaum vertieft wird. Der Klassenaspekt männlicher Gewalt, den Adshead mit „junge mittellose Männer" benennt, bleibt in der sonst differenzierten Analyse merkwürdig randständig.

Hörempfehlung: Unbedingt hören für alle, die sich jenseits von Alarmismus oder Zynismus mit den strukturellen Wurzeln männlicher Gewalt auseinandersetzen wollen – und für Fachkräfte, die in Jugendhilfe, Beratung oder Bildung mit Jungen und Männern arbeiten.

Sprecher:innen

  • Laura Lukas – Host des Lila Podcasts, Journalistin mit feministischem Schwerpunkt
  • Mario Stahr – Sozialpädagoge, Täterarbeit Häusliche Gewalt beim Diakonieverband Ulm
  • Björn Süfke – Psychologe und Männerberater bei „Man-o-Mann“ Bielefeld, Autor von „Männerseelen“