Der Autor dieses Newsletter, ein Medienexperte, der einen Kurs zu KI in Medien und Content Creation anbietet, identifiziert ein Kernproblem im Umgang mit KI-Textwerkzeugen: Die direkte Aufforderung „Schreib mir einen Entwurf“ führt zu mittelmäßigen Ergebnissen. Der Grund dafür sei nicht die Technik, sondern die Arbeitsweise. Eine KI, der man einen kalten Schreibbefehl gibt, hat keinerlei Zugriff auf die spezifischen Beobachtungen, Erfahrungen und die individuelle Perspektive der schreibenden Person. Sie verfügt über keinen Einblick in das, was im Kopf des Autors oder der Autorin vorgeht, und liefert daher nur einen generischen Durchschnittstext, dem die eigene Stimme und die entscheidenden Nuancen fehlen.

Die zentrale und überraschend einfache Lösung, die der Autor vorstellt, ist ein Perspektivwechsel: Man solle die KI nicht als Autorin, sondern als Interviewerin betrachten. Der neue Arbeitsablauf sieht vor, der KI die Rolle einer neugierigen Reporterin zu geben, die gezielte, offene Fragen zum Thema stellt. Dieser Prozess zwingt die schreibende Person, ihr implizites Wissen zu externalisieren, Beispiele zu nennen und ihre Gedanken zu schärfen. Ein prägnantes Zitat zur Begründung lautet: „Der Großteil dessen, was einen Text besonders macht, lebt als halbfertiger Gedanke in Ihrem Kopf […] Sie können es nicht in einen Prompt tippen, weil Sie es noch nicht an die Oberfläche geholt haben.“ Auf diese Weise wird die KI zum Werkzeug, um das eigene Denken zu strukturieren, nicht um es zu ersetzen.

Das Herzstück des Artikels ist ein detaillierter und technisch spezifischer System-Prompt, den Leser:innen direkt übernehmen können. Dieser Prompt weist die KI an, mit dem Kommando „fire away“ ein Interview zu starten und erst nach dem Signal „all done“ damit aufzuhören. Danach soll sie aus den Antworten eine detaillierte Gliederung erstellen, die direkte Zitate der Autorin oder des Autors verwendet, um dessen ursprünglichen Tonfall und Wortwahl zu bewahren. Die Gliederung soll zudem explizit Recherche-Lücken aufzeigen, was für journalistische Sorgfalt entscheidend ist. Der beschriebene Effekt ist, dass der finale Text schneller flüssig zu schreiben ist, weil er auf den eigenen Worten und der bereits organisierten Gedankenstruktur basiert. Der Autor betont, dass diese Methode besonders gut per Sprachaufnahme funktioniert, da die meisten Menschen natürlicher sprechen als sie tippen.

Einordnung

Der Text bietet eine handfeste, operative Lösung für ein reales Problem in kreativen Berufen. Er entmystifiziert den KI-Einsatz, indem er die Verantwortung für Inhalt und Qualität klar bei der menschlichen Fachkraft belässt und die KI auf eine assistierende Rolle reduziert. Dieser Ansatz ist angenehm werkzeugkritisch und stellt das menschliche Denken ins Zentrum, was einen wohltuenden Kontrast zum Hype um vollautomatisierte Texterstellung darstellt. Allerdings ist die Perspektive stark vom Typus des wissensbasierten Schreibens geprägt, wie es bei Kommentaren, Features oder Thought-Leadership-Artikeln vorkommt. Die Methode setzt voraus, dass die schreibende Person bereits umfangreiches implizites Wissen und eine klare, berichtenswerte Perspektive besitzt. Für investigative Recherchen, bei denen die Story erst aus Dokumenten und Daten destilliert werden muss, oder für reine Nachrichtenmeldungen ist sie weniger geeignet. Der ausgeblendete Aspekt ist die pure Fleißarbeit des Schreibens, die weit über das Strukturieren von Gedanken hinausgeht.

Die unausgesprochene Annahme des Textes ist, dass authentische, individuelle Stimme der höchste Wert eines Textes ist. Diese Position fördert zweifellos die Qualität und verteidigt die Rolle professioneller Autor:innen, dient aber auch klar der Agenda des Autors, seinen „AI for Media“-Kurs zu bewerben. Der gesamte Newsletter ist ein geschicktes Content-Marketing-Stück, das mit einer kostenlosen, sofort umsetzbaren Methode wirbt und am Ende zur Anmeldung für den kostenpflichtigen Kurs einlädt. Lesenswert ist der Newsletter für alle Journalist:innen, PR-Fachleute und Content Creator:innen, die eine produktive und die eigene Urheberschaft bewahrende Methode für die KI-Zusammenarbeit suchen und eine Abneigung gegen seelenlosen KI-Text haben. Eine kritische Distanz zur Marketingabsicht des Textes ist jedoch angebracht.