Andy Barr, ein republikanischer Kongressabgeordneter aus Kentucky, gewann kürzlich die Vorwahl für die Nachfolge von Mitch McConnell im Senat – und wird die Hauptwahl dank Trumps großer Beliebtheit im Bundesstaat wohl für sich entscheiden. Der Newsletter-Autor Paul Waldman erinnert an eine bezeichnende Episode aus dem Jahr 2019: Damals lud Barr die progressive Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez ein, die Bergleute in seinem Wahlkreis zu treffen. Als Ocasio-Cortez freundlich zusagte und zudem betonte, ihr Green New Deal sehe die volle Finanzierung der Bergarbeiterrenten vor, zog Barr die Einladung mit einer fadenscheinigen Ausrede zurück. Waldman deckte später auf: In Barrs Bezirk gab es zu diesem Zeitpunkt gar keine aktiven Kohleminen mehr. Der Republikaner hatte eine Begegnung mit einer Branche inszeniert, die vor Ort längst verschwunden war.

Heute führt Barrs Senatskampagne das Versprechen, gemeinsam mit Donald Trump die verlorenen Kohlejobs zurückzubringen – ein Mantra, das Trump seit 2016 wiederholt. Doch die Daten zeigen, dass dies nie eingelöst wurde: Zu Beginn von Trumps erster Amtszeit arbeiteten landesweit 51.000 Menschen im Kohlebergbau, bei seinem Ausscheiden waren es nur noch 38.000, und im Frühjahr 2025 lag die Zahl bei mageren 38.700. In Kentucky sank die Zahl der Bergleute in 35 Jahren um fast 90 Prozent; aktuell verzeichnet der Staat gerade noch 3.843 Kohlejobs. Mehr Amerikaner:innen beschäftigt die Restaurantkette Cheesecake Factory als die gesamte Kohlebranche.

Trotz Trumps aggressiver Pro-Kohle-Politik – er ließ Kraftwerke zwangsweise am Netz und führte einen Krieg gegen erneuerbare Energien – kehren die Jobs nicht zurück. Die wahren Gründe sind Automatisierung und die preiswertere Konkurrenz durch Gas und Windkraft. Waldman zitiert verblüfft: »Why would he do anything different, when this scam works so well?« Die Republikaner belügen ihre Basis dreist und werden belohnt, während sie gleichzeitig die Gesundheit und Sicherheit der verbliebenen Bergleute untergraben. Die Wähler:innen, so der Vorwurf, ließen sich immer wieder aufs Neue betrügen, obwohl sie die gebrochenen Versprechen längst erkennen müssten.

Einordnung

Waldmans Analyse verharrt in einer stark polarisierenden, linksliberalen Perspektive: Republikanische Politiker:innen erscheinen als zynische Lügner, die Wähler:innen als Mitverantwortliche, die sich wissentlich betrügen lassen. Strukturelle Faktoren wie mediale Desinformation, kulturelle Identifikation mit dem Kohle-Mythos oder das Fehlen glaubwürdiger Alternativangebote werden ausgeblendet. Die betroffenen Menschen selbst kommen nicht zu Wort – ihr Handeln wird auf ökonomische Naivität reduziert. Die implizite Annahme, Politik müsse sich allein an Fakten und messbarem Nutzen orientieren, ignoriert die emotionale und identitätsstiftende Dimension solcher Versprechen. Damit stärkt der Text eine Erzählung, die die Demokratische Partei als einzige vernünftige Kraft erscheinen lässt, ohne eigene Versäumnisse in der Strukturförderung zu thematisieren.

Das Thema hat hohe Relevanz in einer Zeit, in der populistische Bewegungen gezielt mit falschen Versprechen arbeiten. Lesenswert ist der Newsletter für alle, die sich für die Mechanismen politischer Täuschung und den Niedergang der US-Kohleindustrie interessieren. Wer jedoch eine ausgewogene Darstellung oder konstruktive Lösungsansätze erwartet, könnte die einseitige Schuldzuweisung an Wähler:innen und Republikaner als unbefriedigend empfinden.