Politikwissenschaftler Philip Manow stellt im Gespräch mit Benjamin Scherp und Jan Feddersen eine Gegenthese zur verbreiteten Populismus-Debatte auf. Während viele den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien als zentrale Bedrohung der liberalen Demokratie betrachteten, sieht Manow die eigentliche Gefahr woanders: in der zunehmenden Verlagerung politischer Entscheidungen auf die Ebene von Gerichten und EU-Institutionen. Populistische Bewegungen seien in dieser Lesart weniger Ursache als vielmehr Symptom einer Krise demokratischer Selbstbestimmung. Die Diskussion setzt dabei ökonomische und soziale Verwerfungen als selbstverständlichen Hintergrund voraus, vor dem sich politische Frustration entlade. Alternative demokratietheoretische Ansätze, die Beteiligung jenseits von Nationalstaatlichkeit denken, werden nicht verhandelt.

Zentrale Punkte

  • Populismus als Reaktion auf Globalisierung Populistische Bewegungen wie die AfD, der Brexit oder Trump seien vor allem eine Antwort auf Deindustrialisierung und den Kontrollverlust nationaler Politik in einer globalisierten Ökonomie. Die Verlierer:innen dieser Prozesse kehrten den etablierten Parteien den Rücken.
  • Rechte Mobilisierung des Souveränitätsverlusts Die Forderung „Take Back Control" sei ideologisch einfacher von rechten Parteien zu besetzen als von linken mit ihrem traditionellen Internationalismus. Allerdings beobachtet Manow eine Annäherung: Die Rechte entdecke sozialstaatliche Forderungen, die Linke nationalistische Töne.
  • „Wehrhafte Demokratie" als Irrweg Der deutsche Weg mit Verfassungsschutz, Parteiverboten und starken Verfassungsgerichten sei international ein Sonderfall. Er bekämpfe nur Symptome, nicht aber die sozialen und politischen Ursachen des Populismus und untergrabe demokratische Legitimität zusätzlich.

Einordnung

Manow liefert eine anregende Gegenperspektive zur oft moralisierenden Populismus-Debatte, indem er die Aufmerksamkeit auf materielle Ursachen lenkt: Deindustrialisierung und ökonomische Abstiegsängste. Sein Ansatz, politische Frustration als Reaktion auf reale Entmachtungserfahrungen zu lesen, eröffnet ein differenzierteres Verständnis, als es ein pauschaler Antipopulismus-Vorwurf erlaubt. Die vergleichende Einordnung Deutschlands als demokratietheoretischen Sonderweg bringt zudem eine notwendige historische Distanz in eine oft aufgeregt geführte Diskussion.

Die Argumentation verbleibt allerdings in einer engen ökonomischen Logik, die kulturelle und identitätspolitische Dimensionen des Rechtspopulismus weitgehend ausblendet. Dass Migrationspolitik primär als Belastungsfaktor für den Sozialstaat diskutiert wird, übernimmt implizit eine migrationsskeptische Rahmung, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Die Perspektive von Migrant:innen selbst kommt nicht vor. Auch die Annahme, demokratische Selbstbestimmung sei gleichbedeutend mit nationalstaatlicher Souveränität, wird als selbstverständlich gesetzt – alternative Modelle demokratischer Legitimation auf EU-Ebene bleiben unerwähnt.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, warum ökonomische Verwerfungen und institutionelle Entmündigungsgefühle den Populismus befeuern – und die eine Gegenposition zur gängigen „Verteidigung der Demokratie"-Rhetorik kennenlernen möchten.

Sprecher:innen

  • Benjamin Scherp – Moderator, Co-Host des Podcasts Based.
  • Jan Feddersen – Moderator, Co-Host des Podcasts Based.
  • Philip Manow – Politikwissenschaftler, Professor an der Universität Bremen.