Ijoma Mangold und Lars Weisbrod widmen sich in dieser Folge ganz dem neuen Roman von Ben Lerner und damit, wie Weisbrod es nennt, echter „Literatur Literatur“. Im Zentrum steht die titelgebende „Transkription“: Ein Mann mittleren Alters besucht seinen betagten Mentor, einen berühmten Filmemacher und Intellektuellen, um ein letztes großes Interview zu führen. Als sein iPhone kaputtgeht, muss er das Gespräch ohne Aufnahme aus dem Gedächtnis rekonstruieren. Der Roman wird als ein vielschichtiges Werk präsentiert, das anhand dieser Ausgangssituation über Medien, die Verlässlichkeit von Erinnerung und die Konstruktion von Authentizität nachdenke. Die Diskussion bewegt sich dabei im Spannungsfeld zwischen der ausführlichen Verteidigung des Romans durch Mangold und der grundsätzlichen Skepsis von Weisbrod gegenüber einer stark auf das Psychologische fokussierten Erzählweise, die er eher mit Science-Fiction kontrastiert.
Zentrale Punkte
- Das gefälschte und das heilende Medium Das kaputte iPhone des Erzählers mache das Interview zur Fiktion, was im Roman als Skandal verhandelt werde. Gleichzeitig heile im dritten Teil ein Tablet mit „Unboxing“-Videos eine Essstörung – das Buch stelle zwei gegensätzliche Medienwirkungen nebeneinander.
- Psychologie als Ersatzhandlung Der Roman zeige, dass die ständige Psychologisierung der Figuren eine Ablenkung von den eigentlichen strukturellen Problemen sei. Die wahre Ursache der Essstörung des Kindes liege nicht in einer komplexen Diagnose, sondern in der Abwesenheit der stets arbeitenden Upperclass-Eltern.
- Der Lyriker als Wertesiegel Für die Literaturkritik sei die Tatsache, dass Ben Lerner auch Lyriker ist, ein zentrales Qualitätsmerkmal. Dahinter stehe die Annahme, dass Lyriker:innen Sprache als selbstreflexives Kunstmittel nutzten und nicht nur zur Informationsvermittlung – eine Setzung, die als selbstverständlich präsentiert wird.
Einordnung
Das Gespräch lebt von der klaren und produktiven Gegenüberstellung zweier Rezeptionshaltungen. Ijoma Mangold liefert eine detaillierte, werkimmanente Verteidigung und ordnet den Roman geduldig in den intellektuellen Diskurs ein, während Lars Weisbrod die Rolle des skeptischen, mit den Konventionen des „bürgerlichen Realismus“ fremdelnden Außenseiters einnimmt und so für eine lebendige Dynamik sorgt. Die inhaltliche Rekonstruktion des Romans gelingt sehr anschaulich und macht neugierig auf das Buch. Die Diskussion ist selbstreflexiv, etwa wenn die beiden ihre eigenen Rollen als Kritiker im Feuilleton-Milieu ironisch kommentieren.
Die Auseinandersetzung setzt die Hierarchie zwischen „Literatur Literatur“ und anderen Genres wie Science-Fiction jedoch als gegeben voraus, ohne diesen Kanon grundlegend zu befragen. Weisbrods Kritik an der psychologischen Erzählweise wird zwar zugespitzt, aber nicht in eine echte Diskussion um erzählerische Alternativen überführt. Das titelgebende Verfahren der Transkription wird ausführlich besprochen, die spezifische sprachliche Form des Romans – das eigentliche Handwerkszeug des von Mangold so betonten Lyrikers – bleibt jedoch abstrakt und wird kaum an konkreten Textbeispielen belegt. „Nur wir haben sie, also wir haben sie jetzt nicht“, wird an einer Stelle zum leeren Sprechen über technologische Souveränität gesagt – eine selbstironische Zuspitzung, die symptomatisch für einen Duktus steht, der sich der eigenen Begrenztheit bewusst ist, aber selten aus dem Raum des Feuilletons heraustritt.
Sprecher:innen
- Ijoma Mangold – Literaturkritiker und Feuilleton-Redakteur der ZEIT
- Lars Weisbrod – Feuilleton-Redakteur der ZEIT und Science-Fiction-Kenner