Ein anonymer Autor, der unter dem Banner „Notes From The Circus“ publiziert, analysiert in dieser umfangreichen Ausgabe nicht die Terroranschläge des 11. September selbst, sondern deren gezielte Instrumentalisierung. Für ihn waren die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon eine reale, dokumentierte Verschwörung. Was jedoch folgte, beschreibt er als eine „zweite Verschwörung“ – die Kaperung der legitimen Trauer und Wut einer Nation durch eine Gruppe von Ideolog:innen, die seit einem Jahrzehnt auf ein solches „katalysierendes Ereignis“ gewartet hatten. Der Autor zeichnet George W. Bush als einen persönlich „anständigen Mann“, der auf die Trümmer stieg und ein aufrichtiges Versprechen abgab, dann aber von einem Machtapparat um Dick Cheney und Donald Rumsfeld schrittweise in einen falschen Krieg geführt wurde.
Das Argument stützt sich auf eine detaillierte Chronologie: Beginnend mit dem Wolfowitz-Doktrin-Entwurf von 1992, über die Gründung des „Project for the New American Century“ (PNAC) und dessen kaum verhüllte Hoffnung auf ein „neues Pearl Harbor“ im Jahr 2000, bis hin zu den geheimen Energy Task Force-Dokumenten vom März 2001, die bereits detaillierte Karten irakischer Ölfelder enthielten. Der Autor sieht hier den Beweis für eine jahrzehntelange Kontinuität einer außenpolitischen Elite, die in Think Tanks und Rüstungsfirmen auf ihre Chance lauerte. Der entscheidende Moment sei die „Beschlagnahmung“ (seizure) der Reaktion auf 9/11 gewesen: Innerhalb von Stunden begannen Rumsfeld und Cheney, eine Verbindung zum Irak zu konstruieren, obwohl es keine gab. Der Autor zitiert die berüchtigten „sechzehn Worte“ aus Bushs Rede zur Lage der Nation über angebliche Uran-Käufe im Niger als ein bewusst lanciertes Lügenkonstrukt, um die Öffentlichkeit zu täuschen.
Besonders bitter wird die Rolle von Außenminister Colin Powell beleuchtet, der im UN-Sicherheitsrat mit einem Fläschchen und gefälschten Beweisen auftrat. Der Autor schreibt: „Powell, who had resisted the war privately… He had been, in his word, played. He had also been used. He was the most respected man in the cabinet.“ Nach dem schnellen militärischen Sieg sei die gesamte Infrastruktur des irakischen Staates durch fatale Entscheidungen (Auflösung der Armee und der Baath-Partei) vorsätzlich zerstört worden, was direkt zum Aufstieg des IS führte, während Firmen wie Halliburton durch No-Bid-Verträge profitierten. Die Kosten bilanziert der Autor gnadenlos: über eine Million Tote, Billionen Dollar und eine dauerhaft destabilisierte Weltregion.
In einer scharfen Wendung schlägt der Text die Brücke zur Gegenwart. Die geistigen Erben dieser Neokonservativen, so die These, sitzen heute in denselben Think Tanks und werden von Tech-Milliardären wie Peter Thiel finanziert. Der Autor sieht eine direkte personelle und intellektuelle Linie von der Kriegs-Agenda der 1990er Jahre zur heutigen „postliberalen“ Rechten um J.D. Vance und den Vordenker Curtis Yarvin. Das aktuelle Projekt sei die „dritte Beschlagnahmung“ – nach dem Iran-Coup 1953 und dem Irak-Krieg 2003 gehe es nun nicht mehr nur um Öl, sondern um die gesamte US-Verfassungsordnung. Ein Zitat bringt die These auf den Punkt: „The instrument can be a decent man. The project does not need every operative to be cruel. The project needs only that the operative at the center of the photograph be the kind of man whose decency makes the cruelty harder to see.“ Der Aufruf am Ende ist ein kämpferischer Appell an die Leser:innen, die Mechanismen zu erkennen und die „Cover Story“ stets zu verweigern.
Einordnung
Der Autor liefert eine meisterhaft komponierte, emotional wie intellektuell packende Polemik, deren Stärke in der Zusammenschau einer immensen Materialfülle liegt. Die minutiöse Rekonstruktion der Vorgeschichte des Irakkrieges, gestützt auf öffentlich zugängliche Quellen, macht die Lektüre zu einem aufwühlenden Erlebnis. Doch genau diese narrative Wucht ist auch die zentrale Schwäche des Textes. Die Analyse ist bewusst monokausal und personalisiert: Komplexe geopolitische Prozesse, bürokratische Eigendynamiken und die fatale Rolle der demokratischen Partei werden zugunsten einer dämonisierten, nahezu allmächtigen Verschwörer-Clique um Cheney ausgeblendet. Die Darstellung von Bush als reiner, tragisch-naiver „anständiger Mann“ dient vor allem der Dramaturgie und entlastet ihn weitgehend von eigener Verantwortung. Dies ist kein journalistisches Stück, sondern eine liberale Intervention, die ihre politischen Gegner:innen pathologisiert und das heutige autoritäre Milieu in ebendieser Tradition verortet. Lesenswert ist der Newsletter für all jene, die wütend über die Kriege nach 9/11 sind und eine stringente, wenn auch fast schon hermetisch abgeschlossene, ideengeschichtliche Einordnung der postliberalen Rechten suchen. Wer hingegen eine nuancierte Debatte über die Irak-Invasion oder die vielschichtigen Motive der Tech-Eliten erwartet, wird enttäuscht. Eine klare Lesewarnung gilt für die stellenweise drastische, simplifizierende Rhetorik, die bewusst ein Feindbild konstruiert, das für diskursive Gegenwehr kaum Platz lässt.