In dieser Episode des Podcasts „tigges trifft“ spricht Host Sebastian Tigges mit der Unternehmerin und Longevity-Expertin Kristine Zeller. Zentral ist die Frage, wie ein gesundes und langes Leben mit beruflichem Erfolg und Familie vereinbar sein kann. Als handlungsleitendes Prinzip wird dabei die konsequente Selbstoptimierung durch einen wissenschaftlich fundierten, aber einfachen Lifestyle gesetzt. Mit Verweis auf ihre eigene Burnout-Erfahrung argumentiert Zeller, dass persönliche Krisen der notwendige Auslöser für eine Hinwendung zu strikter Selbstfürsorge seien. Strukturelle Hürden wie Sexismus in der Investorenwelt werden zwar benannt, der Fokus der Lösungsansätze liegt jedoch fast ausschließlich auf der individuellen Verhaltensänderung.

Zentrale Punkte

  • Die Gründung von ooia als Kampf gegen Sexismus Zeller schildere, wie der Markteintritt mit Periodenunterwäsche in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ an männlichen Investoren scheiterte, die das Potenzial des Produkts nicht erkannten. Dies sei repräsentativ für eine strukturelle Diskriminierung, bei der Investor:innen bei Frauenthemen die Tür vor der Nase zugemacht werde. Der Erfolg ohne externes Kapital wird als Weg in die ultimative Freiheit dargestellt.
  • Burnout als Katalysator für radikale Routinen Wegen eines Burnouts mit Panikattacken sei Zeller zur täglichen Meditation und Sport gekommen. Sie beschreibe, wie sie das Fühlen erst wieder lernen musste, nachdem sie jahrelang nur funktioniert habe. Das konsequente Etablieren von Routinen – ähnlich dem Zähneputzen – sei der Schlüssel, um den „inneren Schweinehund“ auszuschalten und eine neue Identität als gesunde Person zu entwickeln.
  • Longevity als Wissenschaft der einfachen Mittel Entgegen dem durch Tech-Milliardäre wie Bryan Johnson geprägten Image sei Longevity kein teures Privilegien-Thema. Zeller betone, dass die vier wissenschaftlich belegten Säulen Bewegung, Ernährung, Schlaf und emotionale Gesundheit in den meisten Fällen nichts bis wenig kosteten. Supplements seien nur „the cherry on the cake“, entscheidend sei der tägliche Lebensstil.
  • Der kontrollierte Genuss nach der 80/20-Regel Auf den Vorwurf, Longevity verhindere Lebensgenuss, entgegne Zeller mit einem 80/20-Prinzip. Soziale Ausnahmen wie ein langes Abendessen mit Freunden seien wichtig und erlaubt, solange sie die Ausnahme blieben. Der Großteil des Lebens müsse aber durch strikte zeitliche Disziplin – wie das tägliche Zubettgehen um 21:30 Uhr – strukturiert sein, um hochwertigen Schlaf zu sichern.

Einordnung

Das Gespräch gewinnt seine Stärke aus der persönlichen und authentischen Erzählung Zellers. Sie liefert konkrete, niedrigschwellige Tipps und benennt strukturelle Probleme wie Sexismus im Kapitalmarkt klar. Indem sie den Longevity-Hype um teure Therapien entzaubert und auf kostenfreie Grundlagen herunterbricht, leistet sie einen wichtigen Beitrag, um Gesundheitsthemen zu demokratisieren. Das ist eine erfrischende Perspektive gegen das oft vermittelte Bild der Selbstoptimierung als Luxus-Projekt.

Allerdings bleibt ein zentraler Widerspruch unaufgelöst. Die Idee, dass jede:r durch Disziplin und Routinen gesund altern kann, setzt ein erhebliches Maß an Zeitsouveränität, Vorwissen und psychischer Stabilität voraus. Dass Zeller selbst den Auslöser für ihre Veränderung im Burnout fand und eine anderthalbjährige Therapie gemacht hat, zeigt, wie hoch die Hürden liegen können. Der Appell an die individuelle Verantwortung – das Mantra „I am an Athlete“ – folgt einer Logik, die das Scheitern an Routinen fast zwangsläufig als persönliches Versagen erscheinen lässt, auch wenn Einflüsse wie Care-Arbeit oder Schichtarbeit dies strukturell begünstigen. Hier wird die Methodik der Selbstoptimierung unhinterfragt von der Chefetage ins Private übertragen, ohne zu reflektieren, dass die effiziente Nutzung der Morgenstunde für viele keine Frage des Willens ist. Zellers Erkenntnis, man müsse sich zuerst um sich selbst kümmern, „dann kommen alle anderen“, steht in einem unausgesprochenen Spannungsverhältnis zu ihrer Rolle als Mutter – ein Konflikt, der nicht weiter vertieft wird.

Sprecher:innen

  • Sebastian Tigges – Host des Formats, Podcaster und Kolumnist zu Männerthemen
  • Kristine Zeller – Gründerin von ooia, Longevity-Expertin und Bestseller-Autorin