Die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der DDR folgte einer klaren staatlichen Vorgabe: Im Zentrum stand der Widerstand deutscher Kommunisten. Jüdische Erfahrungen wurden an den Rand gedrängt – nicht durch Verbote allein, sondern durch eine Geschichtserzählung, die dem Massenmord einen Sinn verleihen wollte. Der Literaturwissenschaftler Alexander Walther stellt in seinem Buch die Menschen in den Mittelpunkt, die versuchten, diesem engen Rahmen etwas entgegenzusetzen.
Im Gespräch wird deutlich, dass es nicht die eine jüdische Perspektive gab. Manche Überlebende machten Karriere in der SED und legten ihr Judentum weitgehend ab. Andere, wie die Auschwitz-Überlebende Ella Schlieser, scheiterten an der Konfrontation mit der deutschen Gesellschaft. Wieder andere, wie die Sängerin Lin Jaldati, suchten einen Weg zwischen Anpassung und dem Beharren auf eigener Erfahrung. Als selbstverständlich vorausgesetzt wird in der staatlichen Logik der DDR, dass die Opfer „für eine gute Sache“ gestorben seien – eine Sinnstiftung, die viele Überlebende nicht teilen konnten.
Zentrale Punkte
- Frühes Engagement und Scheitern In der unmittelbaren Nachkriegszeit seien es zunächst Überlebende wie Ella Schlieser gewesen, die energisch die Sicherung von Massengräbern und das Gedenken an jüdische Opfer vorantrieben. Viele seien jedoch an der Gleichgültigkeit der lokalen Verwaltungen und den eigenen Traumata gescheitert, lange bevor sich eine staatliche Gedenkpolitik formierte.
- Konflikt um die Deutung Eine grundlegende Spannung habe zwischen jenen bestanden, die den Lagertod als sinnhaftes Opfer für den Sozialismus darstellten, und jenen wie Tadeusz Borowski, die darauf beharrten, das Geschehene sei sinnlos gewesen. Diese zweite Sichtweise habe sich in der DDR nie gegen die offizielle Antifaschismus-Erzählung durchsetzen können.
- Gesellschaftliche Öffnung von unten In den späten 1970er Jahren habe eine Dynamik eingesetzt, die vor allem von Kirchengemeinden getragen wurde. Junge Leute begannen, jüdische Friedhöfe zu pflegen und Fragen zu stellen, die die Erlebnisgeneration nicht stellte. Eine staatliche Neuausrichtung der Erinnerungskultur sei erst 1988 aus außenpolitischem Kalkül erfolgt.
Einordnung
Das Gespräch zeichnet sich durch eine hohe analytische Tiefe und sprachliche Genauigkeit aus. Walther vermeidet pauschale Urteile über „die DDR“ und arbeitet stattdessen die widersprüchlichen Handlungsspielräume einzelner Akteure heraus. Besonders wertvoll ist die Unterscheidung verschiedener jüdischer Positionen – von Parteifunktionären bis zu gescheiterten Chronisten. Dies durchbricht vereinfachende Darstellungen von „den Opfern“ und zeigt Aushandlungsprozesse, in denen auch jüdische Akteure als handelnde Subjekte mit eigenen Widersprüchen sichtbar werden.
Stark verankert bleibt die Analyse in der Kultur- und Literaturgeschichte. Was dabei etwas in den Hintergrund tritt, ist die Frage nach der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft als aktivem Gegenüber. Zwar wird die Gleichgültigkeit lokaler Verwaltungen erwähnt, doch wie sich Ablehnung, Schuldabwehr oder unterschwelliger Antisemitismus im Alltag äußerten, bleibt blasser. Auch die innerlinke, nichtstaatliche Kritik am offiziellen Antifaschismus wird nicht thematisiert. Das mindert den Wert der Analyse nicht, zeigt aber, wo die Forschung noch Lücken lässt. Gerade die abschließende Bemerkung Walders, die heutige Stärke der AfD im Osten sei nicht monokausal aus der DDR-Vergangenheit ableitbar, weist auf eine notwendige Differenzierung hin, die in öffentlichen Debatten oft fehlt.
Hörempfehlung: Ein erhellendes Gespräch für alle, die sich für Erinnerungspolitik jenseits einfacher Täter-Opfer-Erzählungen und die oft übersehene Vielfalt jüdischer Stimmen in der DDR interessieren.
Sprecher:innen
- Alexander Walther – Literaturwissenschaftler, Autor von „Die Shoah und die DDR“
- Nicht namentlich genannte:r Moderator:in – Freies Radio