Wolfgang M. Schmitt und Stefan Schulz treffen sich vor ihrer Sendung „Der Salon“ und nehmen die journalistische Begleitung der Kanzlerschaft von Friedrich Merz auseinander. Ausgangspunkt ist ein transkribiertes Interview von Karen Mioska mit dem Bundeskanzler, dessen Fragestellung Schmitt als derart entlarvend empfindet, dass er es zur „Salonlektüre“ erklärt. Im Zentrum der Kritik steht jedoch die „Zeit“-Journalistin Miriam Lau, die Merz bei aller sichtbaren kommunikativen Fehlleistung weiterhin „rhetorisches Talent“ zuschreibe und sich ein „politisches Lagerfeuer“ wünsche – eine Forderung, die die beiden als demagogisch und parlamentarismusfremd einstufen. Die Diskussion kreist um die These, dass der politische Journalismus in Deutschland in einer selbst erschaffenen Traumwelt lebe, in der ein Idealbild des Kanzlers gepflegt werde, statt die tatsächliche Regierungspraxis zu beschreiben.

Zentrale Punkte

  • „Nicht gedachte Gedanken“ im Journalismus Mit Verweis auf eine Formulierung von Papst Leo XIV. argumentieren Schmitt und Schulz, Journalist:innen wie Miriam Lau produzierten „nicht gedachte Gedanken“ – Aussagen ohne Reflexionstiefe. Laus Einlassung, Merz hätte sich durch Nachrecherchieren „einen Ärger weniger“ einhandeln können, zeige ein fundamentales Missverständnis: Nicht der Kanzler versäume die Recherche, sondern die Berichterstattung selbst bleibe konsequent hinter den Möglichkeiten eines substanziellen Politikjournalismus zurück.
  • Das Phantasma des Idealkanzlers Die Podcaster beschreiben, wie Journalist:innen an einem Idealbild von Friedrich Merz festhielten, das dieser faktisch nie einlöse. Die ständige Zuschreibung „rhetorisches Talent“ werde gerade durch sein permanentes Scheitern am eigenen Anspruch genährt – eine selbsterhaltende journalistische Konstruktion. Statt den realen Kanzler mit seinen Interessenpolitiken zu analysieren, verlange man von ihm eine gemeinschaftsstiftende Rolle, die einer parlamentarischen Demokratie wesensfremd sei.
  • Wachstum als unhinterfragter politischer Konsens Schmitt und Schulz kritisieren, dass Laus Diagnose, Merz und Klingbeil seien sich „ideologisch nicht so wahnsinnig fern“, auf der Prämisse beruhe, beide wollten schlicht Wachstum. Dabei werde ausgeblendet, dass sozialstaatliche Investitionen genauso Wachstum erzeugen können wie Rüstungsausgaben. Die journalistische Einordnung setze unhinterfragt voraus, dass Sozialpolitik wachstumsfeindlich sei – eine „Verblendung“, die politische Alternativen unsichtbar mache.

Einordnung

Dieses Vorgespräch lebt von der argumentativen Wucht, mit der Schmitt und Schulz journalistische Leerformeln sezieren. Besonders stark ist der Nachweis, wie die Forderung nach einem „politischen Lagerfeuer“ und einem beschwörenden „Wir brauchen euch alle“ auf ein vorparlamentarisches Politikverständnis zurückfällt – wer solche Gesten vom Kanzler verlangt, hat den Interessenkonflikt als Kern von Demokratie nicht verstanden. Auch die Analyse, dass Merz‘ angebliches „rhetorisches Talent“ gerade durch permanentes Scheitern am Leben erhalten wird, ist ein treffender Befund zur Funktionsweise politischer Mythenbildung. Die Einführung des Papst-Zitats zu „nicht gedachten Gedanken“ gibt der Kritik eine überraschende theoretische Tiefe.

Allerdings bleibt das Gespräch in seiner eigenen Geschlossenheit gefangen. Zwar überzeugt die Kritik an journalistischer Oberflächlichkeit, doch unterstellen Schmitt und Schulz den kritisierten Journalist:innen pauschal ein einheitliches Weltbild, ohne dessen mögliche Binnendifferenzierung oder redaktionelle Zwänge auch nur zu erwähnen. Ihre Gegenanalyse – etwa zur demografischen Bedeutung von Migration – wird als evident gesetzt, nicht als Position in einer legitimen politischen Auseinandersetzung. Dass sie selbst mit starken Werturteilen arbeiten („Verblödungsmaschine“), reflektieren sie nicht. So entsteht der Eindruck einer Selbstvergewisserung unter Gleichgesinnten, die den eigenen Maßstab für gelungenen Journalismus nie zur Disposition stellt. Die Formulierung „da ist nichts Wahres dran“ in Bezug auf CDU-Kommunikation zeigt diese Absolutheit exemplarisch: Sie ersetzt Analyse durch Urteil. Hörenswert ist die Episode dennoch für alle, die eine pointierte, sprachbewusste Fundamentalkritik am politischen Hauptstadtjournalismus suchen – und bereit sind, deren eigene Setzungen mitzudenken.

Sprecher:innen

  • Wolfgang M. Schmitt – Podcaster, Filmanalytiker und politischer Kommentator („Die neuen Zwanziger“)
  • Stefan Schulz – Podcaster und Soziologe, Co-Host von „Die neuen Zwanziger“