In dieser Ausgabe von „Le masque et la plume" vertritt ein Ersatzmoderator die abwesende Rebecca Manzoni und bittet vier Filmkritiker:innen zum Meinungsaustausch. Die Runde bespricht fünf höchst unterschiedliche Produktionen: das Michael-Jackson-Biopic „Michael", das Familiendrama „Dao" von Alain Gomis, Lynne Ramsays Ehedrama „Die My Love", die Fortsetzung von „Der Teufel trägt Prada" sowie die Romanverfilmung „Sukkwan Island". Was als klassische Filmkritik beginnt, entpuppt sich zunehmend als ein Gespräch über die Voraussetzungen des gegenwärtigen Kinos selbst – wie es mit rechtlichen Einschränkungen, ästhetischen Konventionen und der Erwartungshaltung des Publikums ringt. Dabei wird ein grundlegender Konflikt verhandelt: Steht handwerkliches Können im Dienst einer Wahrheit, oder wird es zum Mittel, um Leerstellen zu übertünchen?

Zentrale Punkte

  • Die befohlene Leerstelle um Michael Jackson Das Biopic sei eine notgedrungene Heldenverehrung, weil eine juristische Klausel jegliche Darstellung der Pädophilie-Vorwürfe verhindere. Der Film ersetze das entfernte Skandal-Material durch Musik, was ihn trotz peinlicher Produzenten-Einflüsse zu einer merkwürdig funktionierenden, aber durch und durch perversen Hagiografie mache.
  • Vom Mut zum Scheitern und der Tyrannei der Form Lynne Ramsays „Die My Love" erzähle konventionell vom Klischee der Ehehölle, überwältige dies aber formal durch Exzess. Jennifer Lawrence mühe sich redlich, bleibe jedoch in ihrer Darstellung psychischer Zerrüttung an der Oberfläche – wie ein Instagram-Scrollen, das auf Punk macht, aber Hochglanz bleibe.
  • Wenn die Fortsetzung den Biss verliert Bei „Der Teufel trägt Prada 2" sei jegliche Bosheit einem freundlichen Gleichmut gewichen, der nichts mehr riskiere. Was als zynische Komödie über die Medienbranche begann, ende als seelenlose Werbeplattform, deren einstmals monströse Figuren nun weichgespült und durch die Personalabteilung geschleust wirkten.
  • Das Gewicht des literarischen Stoffs „Sukkwan Island" leide unter seiner Werktreue, wirke wie abgefilmte Literatur ohne eigenes filmisches Tempo. Ohne Kenntnis der Romanvorlage bleibe die Psychologie des misshandelnden Vaters unverständlich; mit ihr erkenne man ein beklemmendes Kammerspiel, das trotz handwerklicher Mängel von zwei inspirierten Schauspielern getragen werde.

Einordnung

Die Diskussion lebt vom Vergnügen an der zugespitzten Kontroverse und dem offenen Schlagabtausch, der keine endgültige Wahrheit beansprucht, sondern das Abwägen als Erkenntnisform zelebriert. Gerade bei formvollendeten, aber inhaltlich entkernten Filmen wie dem Jackson-Biopic legt die Runde die Produktionsbedingungen und Machtinteressen hinter dem Werk frei und macht so den blinden Fleck – das vertraglich untersagte Thema – als eigentliches Zentrum des Films sichtbar. So entsteht ein selbstreflexiver Moment, der über reine Geschmackskritik hinausgeht.

Allerdings verharrt das Gespräch bei fast allen Filmen in einer Debatte über „funktionierende" oder „scheiternde" Form – die politische Dimension von Erzählungen über psychische Krankheit, Mutterschaft oder toxische Männlichkeit wird zugunsten ästhetischer Fehleranalysen ausgeblendet. Es entsteht der Eindruck, ein Film müsse vor allem atmosphärisch „packen" oder „glaubwürdig" sein; Kriterien, die als selbstverständlich gesetzt werden, ohne zu fragen, wer eigentlich bestimmt, was glaubwürdig ist. Dass die Runde beim Jackson-Film das juristisch erzwungene Verschweigen detailliert benennt, bei der Prada-Fortsetzung die ökonomische Logik eines Markenfilms aber nur streift, offenbart eine Hierarchie des Hinschauens. Pierre Murat bringt das Unbehagen an der neuen Hollywood-Logik auf den Punkt: „Vous ne pouvez pas dans un Hollywood et dans un monde devenu gentil où on ne peut pas filmer une méchante. On ne peut pas." So wird ein strukturelles Problem aufgerufen, aber individualistisch als Verlust von „Bosheit" beklagt, nicht als Symptom einer risikoscheuen Industrie analysiert.

Sprecher:innen

  • Pierre Murat – Journalist und Autor, langjähriger Filmkritiker mit Hang zum polemischen Urteil
  • Florence Colombani – Journalistin und Filmkritikerin für „Le Point"
  • Ariane Allard – Journalistin für das Filmmagazin „Positif"
  • Murielle Joudet – Filmkritikerin bei „Le Monde", spezialisiert auf Bildästhetik und Schauspiel