In dieser Episode von Kollegin KI spricht Max Mundhenke mit Sabine Verheyen, der Ersten Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, direkt aus Straßburg. Das Gespräch kreist weniger um den EU AI Act als juristisches Regelwerk, sondern um den praktischen Umgang mit KI im Arbeitsalltag der Abgeordneten und der Verwaltung. Als selbstverständliche Prämisse wird dabei die Notwendigkeit einer Effizienzsteigerung durch KI gesetzt, der jedoch stets das Primat der menschlichen Entscheidung und eine genaue Prüfung entgegengestellt wird. Verheyen skizziert einen pragmatischen Kurs: Man bewege sich im Spannungsfeld zwischen der weiten Nutzung kommerzieller US-Tools und dem Wunsch nach digitaler Souveränität durch eigene, sichere Anwendungen.

Zentrale Punkte

  • KI-Nutzung mit klaren Leitplanken Im Parlament werde KI, etwa ChatGPT, von Abgeordneten und Assistenzen genutzt. Es gebe jedoch klare interne Richtlinien, die vor allem die Ein- und Ausgabe sensibler Daten untersagten. Die zentrale Arbeitsprämisse sei, dass KI-generierte Inhalte nie ungeprüft übernommen werden dürften, da die Trainingsdaten unbekannt seien und die Gefahr von Diskriminierung oder „halluzinierten“ Falschinformationen bestehe.
  • Ein eigener Parlaments-Chatbot als Ziel Wegen der Sicherheitsrisiken bei öffentlichen KI-Modellen arbeite die IT-Abteilung des Parlaments an einer Art eigenem, internen Chatbot. Dieser solle auf den hauseigenen, teils vertraulichen Dokumenten und Daten basieren. So wolle man sensible Informationen, etwa aus der Außenpolitik, in einem geschützten Raum verarbeiten lassen können, ohne dass diese Daten in die Trainingsgrundlage globaler KI-Modelle einflössen.
  • KI und Kunst: Lizenzierung statt Plünderung Im Kultur- und Kreativbereich sieht Verheyen die Gefahr eines „Merge“ bestehender Werke ohne echte Neuschöpfung als problematisch an. KI-generierte Konkurrenz auf Streaming-Plattformen könne die Künstlerszene zerstören. Sie fordere daher Transparenz über Trainingsdaten und ein Lizenzierungs- oder Vergütungssystem, da Urheber:innen an der Wertschöpfung beteiligt werden müssten, die aus ihrem Schaffen entstehe.

Einordnung

Die Episode bietet einen seltenen, praxisnahen Einblick in die Spannung zwischen politischem Anspruch und Verwaltungsrealität im EU-Parlament. Die Stärke liegt im konkreten Erfahrungsbericht: Statt über Technologie zu theoretisieren, wird greifbar beschrieben, wie eine Institution Richtlinien für ihre Mitglieder formuliert und mit dem Bau eines eigenen KI-Tools zugleich eine Art digitaler Souveränität anstrebt.

Kritisch bleibt anzumerken, dass die Diskussion über Urheberrecht und Kunst stark auf einem ökonomischen Schutz- und Wettbewerbsgedanken fußt. Kreativität wird hier vor allem als ein Gut betrachtet, dessen Wert durch KI-Modelle abgeschöpft werde und das es zu lizenzieren gelte. Die kulturelle und gesellschaftliche Frage, wie sich der Kunstbegriff durch generative KI fundamental verändert, wird dagegen nicht vertieft. Verheyens zentrale Argumentationshaltung zeigt sich exemplarisch in dem Satz: „[W]ir haben Verstand vom lieben Gott mitbekommen und den sollen wir auch gefälligst noch einsetzen.“ Dies rahmt die gesamte KI-Nutzung weniger als eine Frage technischer Grenzen, sondern als eine der moralischen und intellektuellen Pflicht des Menschen zur Letztkontrolle.

Hörempfehlung: Ein aufschlussreiches Gespräch für alle, die verstehen wollen, wie in der EU-Politik die selbstgemachten Regeln für KI konkret im Arbeitsalltag umgesetzt werden – jenseits der juristischen Fachdebatten.

Sprecher:innen

  • Max Mundhenke – Host des Podcasts „Kollegin KI“, produziert von Podstars bei OMR
  • Sabine Verheyen – Erste Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, zuständig u.a. für KI und Kommunikation