Der Autor Paul Waldman, ein politischer Analyst mit Blick für die Mechanismen des Wahlkampfs, widmet sich in dieser Ausgabe von "The Cross Section" dem sich anbahnenden texanischen Senatswahlkampf zwischen dem Demokraten James Talarico und dem Republikaner Ken Paxton. Er prognostiziert nicht nur die teuerste Senatswahl der US-Geschichte, sondern auch eine der schmutzigsten Kampagnen, die maßgeblich von "anxious masculinity" – verunsicherter, überkompensierender Männlichkeit – und kaum verhüllten homophoben Appellen geprägt sein wird.
Waldmans zentrale These ist, dass die Republikaner Wahlen nicht mit Sachpolitik gewinnen wollen, sondern durch die Mobilisierung negativer Emotionen wie Angst und Hass. Während Demokraten ihr Heil in konkreten politischen Angeboten suchten, setze die Rechte auf "Charakterschwächen" und Dinge, die "das Blut der Wähler:innen zum Kochen bringen". Im konkreten Fall ist das Vehikel eine Kampagne, die darauf abzielt, Talarico als unmännlich, effeminiert und potenziell homosexuell darzustellen. Auslöser war ein Besuch Talaricos mit Barack Obama in einem Taco-Lokal, wo die Bestellung eines Tacos mit Kartoffeln, Ei und Käse in den Augen der Republikaner:innen ausreichte, um Talarico fälschlich als "Veganer" zu brandmarken.
Für Waldman ist dieser Vorfall symptomatisch: "Vegan” has now become part of a litany of insults Republicans throw at Talarico, all of them oriented toward making voters think he’s light in the loafers and loose in the wrist." Er zeigt auf, wie diese Strategie von der Spitze der Partei mitgetragen wird, bis hin zu einer entwürdigenden Einlassung des Trump-Beraters Stephen Miller, der Talarico, wie Waldman berichtet, als Teil einer von MAGA verhassten Minderheitengruppe darstellte. Die Argumentationsstruktur der Republikaner:innen verdichtet er auf eine zynische Kernbotschaft: „James Talarico is kinda gay. Or trans, or whatever. If you vote for him, that makes you kinda gay. You don’t want people to think you’re gay, do you?”
Der Text lebt von einer harschen Ironie, mit der Waldman die republikanischen Männlichkeitsinszenierungen als tiefes Zeichen von Schwäche entlarvt. Die angeblichen Alphamännchen um Trump, allen voran Paxton, seien in Wahrheit "sniveling little boys", die vor einem "wandelnden Sammelsurium von Charakterfehlern" kriechen und ihm notfalls "buchstäblich die Schuhsohlen lecken" würden. Waldman warnt jedoch abschließend, dass die Wirksamkeit dieser erbärmlichen Kampagne nicht unterschätzt werden dürfe, da viele männliche Wähler ihr fragiles Selbstbild durch derlei Angriffe bedroht sähen.
Einordnung
Waldmans Analyse bietet eine pointierte und unterhaltsame Dekonstruktion konservativer Wahlkampfrhetorik, die ohne wissenschaftlichen Jargon auskommt. Sein Text ist eine linke Kampfschrift, die den politischen Gegner nicht verstehen, sondern moralisch stellen will. Die Perspektive der republikanischen Basis, ihre tatsächlichen Motive und Ängste, werden nicht ernsthaft ergründet, sondern lediglich als zu entlarvende Pathologie inszeniert. Der Autor setzt voraus, dass das Publikum seine linke Grundhaltung teilt und der moralischen Überlegenheit dieser Lesart zustimmt. Nationalistische, maskulinistische und homophobe Narrative werden klar benannt und verurteilt, doch das eigene Framing – die Reduzierung der Gegenseite auf verächtliche Witzfiguren – ist selbst ein rhetorisches Manöver, das eher der eigenen Community-Bestärkung dient als der Überzeugung von Unentschlossenen.
Für alle, die eine klare, zornige und rhetorisch scharf geschliffene Perspektive auf die Verrohung des US-Wahlkampfs suchen, ist der Newsletter lesenswert. Wer eine ausgewogene Analyse erwartet, sollte lieber einen Bogen darum machen.