In dieser Episode des Podcasts Based. sprechen die Gastgeber Benjamin Scherp und Jan Feddersen mit dem Philosophen Hanno Sauer über dessen Buch zur Entstehung sozialer Klassen. Das Gespräch kreist um die Frage, ob die Kategorie „Klasse“ im politischen Diskurs zu Unrecht von Themen wie Identität und Herkunft verdrängt worden sei. Sauer argumentiere, dass Klasse aktueller denn je sei, sich ihre Bedeutung jedoch verschoben habe: Neben Geld gehe es heute vor allem um immaterielle Statussymbole – um kulturelle Zugehörigkeit, Sprache und moralische Überlegenheitsgesten. Als ironische Pointe präsentiere sich Sauer selbst als Vertreter der „Oberklasse“, was die Diskussion über die Glaubwürdigkeit von Klassenanalysen von vornherein prägt.

Zentrale Punkte

  • Klasse als kulturelles Kapital Sauer beschreibe Klasse nicht rein ökonomisch, sondern als ein System kultureller Codes. Die Zugehörigkeit zur Elite entscheide sich darüber, ob man die richtige Sprache spreche, den richtigen Geschmack habe und die richtigen moralischen Positionen vertrete – wer diese Signale nicht beherrsche, bleibe außen vor.
  • Die Moral der Progressiven als Distinktionsmerkmal Das linksliberale Milieu nehme für sich in Anspruch, auf der „richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen. Diese moralische Gewissheit werde selbst zu einem Klassensignal, mit dem sich die universität gebildete Elite von Menschen ohne akademischen Hintergrund abgrenze und andere Lebensentwürfe entwerte.
  • Grenzen ökonomischer Umverteilung Selbst eine radikale Umverteilungspolitik könne das Problem der Ungleichheit nicht lösen, behaupte Sauer. Macht und Status suchten sich stets neue Kanäle. In dem Maße, wie materielle Grundbedürfnisse für viele befriedigt seien, würden immaterielle und symbolische Statuskämpfe sogar noch zunehmen.

Einordnung

Die Stärke dieser Episode liegt in der zugespitzten Perspektive Sauers, die den oft auf Einkommens- und Vermögensverhältnisse verengten Blick auf Klassenfragen provozierend erweitert. Dass Sauer seinen eigenen elitären Status ironisch reflektiert, lockert das Gespräch auf und veranschaulicht zugleich das zentrale Argument der „Kontersignale“ – etwa wenn Jan Feddersen anekdotisch die Häme über Helene-Fischer-Fans im akademischen Milieu schildert. Die Diskussion berührt einen wunden Punkt: die kulturelle Arroganz bildungsbürgerlicher Kreise. Schwach bleibt die Episode bei der grundlegenden Spannung, dass sie das ökonomische Argument teils voreilig entkräftet. Sauers These, dass enorme Vermögenskonzentration für das „Gefühl“ von Ungleichheit irrelevant sei, erscheint fragwürdig, wenn zugleich die Macht von Milliardären, soziale Plattformen zu kaufen oder Politik zu beeinflussen, unkritisch akzeptiert wird. Die Behauptung, dass ökonomische Umverteilung ins Leere laufe, weil sich Macht neue Kanäle suche, nimmt den Verzicht auf politische Gestaltung bereits vorweg. Die Stimmen derjenigen, die von diesen Klassenmechanismen betroffen sind, kommen nicht zu Wort.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die sich für den kulturellen Mechanismus sozialer Ausgrenzung jenseits des Geldkontos interessieren und eine ungewöhnliche Perspektive auf Ungleichheit vertragen, bietet das Gespräch anregende Denkanstöße.

Sprecher:innen

  • Hanno Sauer – Philosoph und Bestseller-Autor („Moral“, „Klasse“), lehrt in Utrecht
  • Benjamin Scherp – Co-Host von Based., Journalist
  • Jan Feddersen – Co-Host und Journalist (u.a. taz)