Paul Krugman kontert die Wall-Street-Journal-These vom armen Europa mit einer provokanten Gegenüberstellung. Anhand von Lebenserwartung, Verkehrstoten und Kindersterblichkeit zeigt er, wie dramatisch die USA bei Kernaspekten des Wohlergehens abgehängt wurden. Die USA haben heute gefährlichere Straßen als Portugal, und die Kindersterblichkeit liegt höher als in manchen ärmeren Ländern. Selbst die trotz Rückgangs noch hohe Mordrate spreche eine deutliche Sprache.
Ergänzt wird dies durch eine miserable Work-Life-Balance mit wenigen Urlaubstagen und das Fehlen einer allgemeinen Gesundheitsversorgung. Materielle Vorteile wie größere Häuser gesteht Krugman zwar zu, doch sein Urteil ist klar: Hohes BIP pro Kopf sei keine Erfolgsgeschichte, wenn die Bürger:innen dafür grundlegend schlechter leben. Die Ursache verortet er im politischen Rechtsruck seit 1980, der jegliche „shared responsibility“ zerstört und Misstrauen gesät habe.
Einordnung
Krugmans linksliberale Perspektive nutzt geschickt quantitative Daten, um die Schattenseiten des US-Modells offenzulegen, schiebt die Verantwortung jedoch recht monokausal den Republikanern und dem Jahr 1980 zu. Komplexere sozioökonomische Trends und kulturelle Präferenzen für individuelle Konsumfreiheit werden kaum problematisiert, während stillschweigend Sicherheit und Freizeit als universelle Prioritäten gesetzt werden.
Dennoch liefert der Newsletter eine unvollständige, aber scharfzüngige und erfrischende Anklage des amerikanischen Triumphalismus. Für wirtschaftspolitisch Interessierte