Diedrich Diederichsen, herausragender Kulturwissenschaftler und Kritiker, nähert sich dem Niedergang der alten Bundesrepublik über das Feuilleton, jene einzigartige deutsche Institution der "Schöngeistigen". Er beginnt mit einer liebevollen Erinnerung an dessen Blütezeit, in der das Feuilleton als ein freier, fast paradiesischer "Garten" innerhalb einer ansonsten politisch streng festgelegten Zeitungslandschaft existierte. Diese Freiheit, so seine zentrale These, war jedoch ein Trugbild, denn sie war stets abhängig von der Großzügigkeit des politischen Teils und dessen klarer ideologischer Linie. Das Schöne und Kühne war nie aus sich selbst heraus gültig, sondern immer im Rahmen einer vorgegebenen politischen Positionierung zu lesen – ein paradiesischer Zustand mit einem hohen Preis.

Mit dem Ende der alten BRD und dem vermeintlichen Verschwinden der Lager "rechts" und "links" vollzieht sich im Feuilleton ein grundlegender Wandel. Die organisierte Weltfremdheit weicht einem hektischen Zwang zum Gegenwartsbezug. An die Stelle des schönen Geistes und der Ideologiekritik tritt eine neue Form von Sarkasmus und Ironie, die sich aus der Eingemeindung von Pop-Journalismus und digitalen Diskursen speist. Diese Phase ist geprägt von hektischen Innovationen und charismatisch-autoritären Führungsfiguren, während das Ende des gedruckten Wortes bereits droht.

Der eigentliche Zerfall setzt für Diederichsen jedoch mit dem Einwirken dreier neuer Kräfte ein. Erstens macht sich eine neue Art von Öffentlichkeit breit, in der es nicht mehr um Inhalte geht, sondern um die Organisation von Beteiligung: "Partizipation ist das neue Spektakel". Zweitens degeneriert die alte Ideologiekritik zu einem, wie er es nennt, "Schrumpfstrukturalismus", der sich nur noch an rhetorischen Figuren abarbeitet. Man kritisiert nun Relativierungen oder Whataboutism, ohne noch über die Inhalte selbst zu diskutieren.

Der dritte und für Diederichsen offenbar entscheidendste Einfluss ist eine neue Staatsnähe und Staatsförmigkeit. Das Feuilleton, einst ein Ort der spielerischen Freiheit, wird nun durch eine Mischung aus juristisch gedachten Bedeutungsfixierungen, Rhetorik-Checklisten und heruntergekommener Ideologiekritik reguliert. Diese Entwicklung zeigt sich für ihn besonders in den großen, vom Feuilleton einst so geliebten Debatten, etwa zum Gaza-Krieg, zur Erinnerungspolitik oder zur documenta, die nun in einem vorab reglementierten Raum stattfinden. Diederichsen betont, dass er nicht eine alte Idylle wiederherstellen will, sondern dass ihm die Erfahrungen der Rebellionen gegen das Feuilleton wichtig sind, die dessen "Geländer", also die kaum explizit benannten politischen Grundpositionen, immer wieder sichtbar gemacht haben.

Kernstück seiner Analyse ist der Vergleich einer "alten" und einer "neuen" Polit-Matrix. In der klassischen Matrix der BRD waren sich linke, rechte und die Mitte einig, dass es einen hegemonialen Westen gibt. Der Unterschied lag in der Bewertung: Die Mitte und die Rechte sahen die eigene Beteiligung daran als gut an (oder sich selbst sogar als Opfer), während die Linke sie verurteilte. In der neuen Matrix, die Diederichsen für unsere Gegenwart beschreibt, hat sich diese Grundkonstellation radikal verschoben. Die liberale Mitte, die er mit dem Label "antideutsch" versieht, sieht sich nun einem "antiliberalen Anti-Westen" (China, Putin, Iran, aber auch Greta Thunberg und Judith Butler) gegenüber und sich selbst, als geläuterte Täter, potenziell als dessen Opfer. Die Konsequenz ist der Ruf nach mehr Disziplinierung und Militarisierung. Eine dekoloniale Linke hält weiterhin den Westen für hegemonial und tendenziell faschistisch, reagiert darauf aber mit reinem, staatsfernem Aktivismus. Die Rechte schließlich stilisiert sich zum Opfer eines vermeintlich "muslimisch-feministisch-identitätspolitischen" Westens und zieht daraus den Schluss, die Macht übernehmen zu müssen. In dieser neuen Matrix ist das alte Feuilleton mit seiner Leine zur politischen Grundposition der Zeitung endgültig Geschichte; an seine Stelle ist eine viel direktere, staatlich vermittelte Diskurssteuerung getreten.

Einordnung

Diederichsens Rahmen setzt eine intime Kenntnis der bundesdeutschen Feuilleton-Geschichte voraus. Seine Perspektive ist die eines linken, aber nicht dekolonialen Intellektuellen, der um den Verlust eines spezifischen Freiraums trauert, ohne dessen Begrenztheit zu leugnen. Unausgesprochene Annahme ist, dass "echte" Kritik nur außerhalb staatlicher Regulierung möglich sei und dass die großen, kontroversen Debatten der Gegenwart im Kern von einer staatlich verordneten, pro-israelischen Position her gedacht und erstickt werden.

Ausgeblendet wird, dass die "alten" politischen Linien auch eine rigide Ausschlussmaschinerie darstellten und die von ihm geschätzte "Weltfremdheit" ein massives Klassenprivileg war. Die eindimensionale Zuspitzung auf eine staatlich verordnete "antideutsche" Position als neue Mittelachse vereinfacht die komplexe deutsche Erinnerungspolitik und den tatsächlichen diskursiven Spielraum. Das starke ideologische Framing verleiht dem Text zwar eine enorme argumentative Wucht, macht ihn aber anfällig für den Vorwurf, selbst eine verkürzte, in sich geschlossene Matrix zu errichten, in der andere Positionen kaum vorkommen. Die Analyse ist hochrelevant für alle, die verstehen wollen, warum intellektuelle Debatten in Deutschland oft so verfahren wirken. Der Text ist lesenswert für alle Kenner:innen der Materie, aber als hochpolemische Intervention zu lesen, nicht als neutrale Beschreibung.