In dieser Ausgabe des Cicero-Podcasts spricht Chefredakteur Alexander Marguier mit Wolfram Wickert. Der 85-jährige CDU-Politiker und Bruder von Ulrich Wickert trat überraschend als Gegenkandidat von Kai Wegner bei der Nominierung zum Regierenden Bürgermeister an. Das Gespräch bewegt sich weit über Berliner Lokalpolitik hinaus und streift zentrale Fragen des Parteiensystems, der deutschen Einheit und des Umgangs mit der AfD. Während der Host kritische Nachfragen stellt, bleibt die Diskussion tief in einer spezifischen, als selbstverständlich gesetzten Perspektive verankert: Politik wird am Maßstab vermeintlich klarer, mutiger Führungsfiguren wie Konrad Adenauer oder Helmut Schmidt gemessen. Die heutige Regierung erscheine dagegen als zerstritten und ideologisch verengt. Diese Sichtweise wird von Marguier zwar höflich begleitet, aber nur selten grundlegend hinterfragt.
Zentrale Punkte
- Politik als mutlose Ideologie Wickert behaupte, ein „linksgrüner Mainstream" verhindere in Berlin Problemlösungen zugunsten ideologischer Projekte wie der Verkehrspolitik. Statt echter Reformen, etwa im Sozialetat, herrsche Stillstand, weil die Regierenden nur ihre Klientel befriedigten und Gegenwind scheuten.
- Parteiensystem als Zerfallserscheinung Die handelnden Akteure würden nicht mehr für das Land, sondern nur für ihre eigenen Splittergruppen regieren, so Wickerts zentrale Diagnose. Das zeige sich an der Bundesregierung ebenso wie an der Berliner CDU, die im Westteil der Stadt zu mächtig sei und mit den Grünen auf Bezirksebene paktiere.
- Die Brandmauer als demokratisches Problem Die Isolation der AfD sei eine „ganz undemokratische Geschichte", da man zehn Millionen Wähler:innen nicht ausschließen könne. Zumindest müsse man mit der Partei sprechen, um Probleme zu lösen. Ein fehlender Dialog habe deren Aufstieg sogar befördert.
Einordnung
Das Gespräch bietet persönliche, teils anekdotische Einblicke in ein konservatives Milieu, das sich nach klaren Hierarchien und mutigen Entscheidungen sehnt. Wickerts Perspektive einer älteren Generation, die noch Helmut Schmidt oder die Bonner Republik erlebt hat, wird von Marguier zwar in einen journalistischen Rahmen gesetzt, aber nicht argumentativ dekonstruiert. Der Host fragt nach, etwa zum Missbrauch im Sozialsystem oder zur Vereinbarkeit von Wickerts Kulturkritik mit seiner Sparpolitik, doch grundlegende Widersprüche bleiben oft unangetastet stehen.
In der Diskussion dominieren unbewiesene Annahmen, die wie Fakten behandelt werden. Die Behauptung eines „linksgrünen Mainstreams" wird nicht belegt, sondern fließend mit konservativen Unmutsbegriffen wie „Schnarchkasper" für grüne Politiken verbunden. Zentral ist die Normalisierung des Begriffs „Brandmauer" als etwas per se Undemokratischem – ein Argumentationsmuster, das aus dem äußersten rechten Spektrum vertraut ist, ohne dass dies eingeordnet würde. Gleichzeitig bleibt die Darstellung historischer Figuren wie Adenauer oder Brandt völlig unkritisch; ihre innenpolitischen Auseinandersetzungen werden zu Heldengeschichten stilisiert. Die spezifischen Zumutungen der Sparpolitik für Kulturschaffende oder Sozialleistungsempfänger:innen werden hinter Allgemeinplätzen („Missbrauch") unsichtbar. Wenn Wickert die heutige Kulturszene als „langweilig" und ohne „große Themen" beschreibt, zeigt sich darin weniger eine Analyse als vielmehr eine biografisch gefärbte Entfremdung, die als objektiver Befund präsentiert wird – wie in dieser abfälligen Bemerkung: „Die Grünen, wenn die von den Sperrstunden reden, sage ich immer, das sind Schnarchkasper."
Sprecher:innen
- Wolfram Wickert – 85-jähriges CDU-Mitglied, ehemaliger Diplomat, Gegenkandidat von Kai Wegner.
- Alexander Marguier – Chefredakteur von Cicero, Host des Podcasts.