Karl-Rudolf Korte, Politikwissenschaftler und Langzeit-Gast in Wahlstudios, spricht mit Tanjev Schultz und Markus Wolsiffer über seine Arbeit als öffentlicher Erklärer. Im Zentrum steht die Frage, wie politische Prozesse so vermittelt werden können, dass Bürger:innen sie verstehen – und was dabei zwischen Wissenschaft, Journalismus und Politik oft schiefgeht.
Korte erläutert, wie er zu seiner Rolle kam und was ihn daran reizt: die Unvorhersehbarkeit von Live-Sendungen, die Möglichkeit, Entwicklungen unmittelbar mitzuerleben und einzuordnen. Die Moderatoren fragen nach seiner rhetorischen Strategie, nach Begriffsprägungen wie „Brombeerkoalition“ und nach den Unterschieden zwischen seiner Fernsehpräsenz und seinem Podcast. Immer wieder geht es um das Verhältnis von politischen Inhalten und politischen Prozessen – und darum, welche dieser Ebenen in der öffentlichen Diskussion dominiert.
Unausgesprochen bleibt dabei die Annahme, dass die Fokussierung auf Prozesse und Strategien („Politics“) zwar legitim, aber auch folgenreich sei – für die Wahrnehmung von Politik in der Bevölkerung und für die Stabilität demokratischer Streitkultur. Die Frage, ob diese Fokussierung nicht selbst Teil des Problems sein könnte, das Korte beklagt, wird nur gestreift.
Zentrale Punkte
- Politik erklären ohne Sachebene Korte betone, er äußere sich ausschließlich zur Prozessdimension von Politik – zu Machtfragen, Strategien, Koalitionsmechaniken –, nicht zu konkreten Sachentscheidungen wie Wirtschafts- oder Arbeitsmarktpolitik. Dafür fehle ihm die Expertise, und er grenze sich bewusst gegen Generalisten ab, die zu allem befragt würden.
- Medienlogik als Alarmismus-Treiber Der Journalismus sei darauf angelegt, Misslingen und Eskalation in den Vordergrund zu stellen, weil sich das besser bebildern lasse und höhere Klickzahlen bringe. Diese Logik verdecke, dass politische Mitte und sozialer Frieden in Deutschland stabil seien – und dass unterschiedliche Interessen nicht mit Streit gleichzusetzen seien.
- Live-Momente als Erkenntnisquelle Korte schildere, wie sehr er Situationen schätze, in denen Sendepläne scheitern oder sich Geschichte live entwickle. Als Sozialwissenschaftler begreife er diese Kulissenmomente als Feldarbeit: An Gestik, Sprache und spontanen Äußerungen lasse sich ablesen, ob Koalitionen halten oder scheitern.
- Demokratieorte jenseits von Parlamenten Begegnungen im öffentlichen Raum – auf Märkten, in Schulen, vor Theatern – seien essenziell, um Gesprächsstörungen zwischen Regierten und Regierenden zu überwinden. Nur im direkten Gespräch wachse eine „Komplexitätskompetenz“, die durch soziale Medien und ritualisierte TV-Formate nicht entstehe.
Einordnung
Die Episode bietet einen seltenen Einblick in das Selbstverständnis eines der bekanntesten Politikvermittler Deutschlands. Korte reflektiert seine Rolle präzise und offen, benennt die Versuchungen des Medienbetriebs und zeigt eine klare Trennschärfe zwischen wissenschaftlicher Erkenntnissuche und politischem Tagesgeschäft. Besonders stark ist die Schilderung der konkreten Arbeitsabläufe an Wahlabenden: Die Unterscheidung zwischen Inszenierung und authentischer Dynamik wird nachvollziehbar, ohne ins Anekdotische abzugleiten. Auch der Hinweis, dass Medien den Kompromiss selten „adeln“, trifft einen zentralen Punkt der journalistischen Nachrichtenlogik.
Kritisch bleibt jedoch, dass die von den Moderatoren eingeführte Unterscheidung zwischen „Policy“ und „Politics“ zwar aufgegriffen, aber nicht konsequent problematisiert wird. Korte verweigert jede Aussage zu Sachentscheidungen – das schützt ihn vor Überdehnung, bedeutet aber auch, dass er das journalistische Ungleichgewicht nicht ausgleicht, sondern reproduziert. Wer nur Prozesse erklärt, bestätigt die von ihm selbst diagnostizierte Schieflage. Zudem bleibt die Perspektive derjenigen, die von politischen Entscheidungen betroffen sind, weitgehend ausgeblendet – es dominieren die Innensichten von Wahlstudios und Talkshow-Käfigen. Die Metapher der „Reiserücktrittsversicherung“ als Beleg einer „Angstkultur“ ist zwar eingängig, aber auch eine stark vereinfachende Zuschreibung, die die politische Mitte implizit als langweilig, aber stabil feiert.
„Ich habe keine, ich würde nie einen Satz sagen zur Wirtschaftspolitik oder zur Finanzpolitik, zur Arbeitsmarktpolitik, da habe ich keine Expertise, ne? Aber wie man damit jetzt in den Prozessen umgeht, dazu kann man natürlich was sagen.“ – Karl-Rudolf Korte
Sprecher:innen
- Karl-Rudolf Korte – Politikwissenschaftler, Professor an der Universität Duisburg-Essen, Wahlanalyst
- Tanjev Schultz – Professor für Journalismus an der Universität Mainz, ehemaliger SZ-Redakteur
- Markus Wolsiffer – Journalist, Reporter und Moderator für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk