Roger Köppel sendet aus Tallinn und rahmt die Episode als „internationale Ausgabe“ der Weltwoche Daily, die bewusst „Gegensteuer zum Mainstream“ bieten wolle. Aus Estland, einem NATO-Staat mit „traumatischen historischen Erinnerungen“, blickt er zurück auf seine Interviews in Moskau und stellt die russische Perspektive als systematisch ausgeblendet dar. Die eigene Reisetätigkeit – Moskau und nun das Baltikum – wird als Beleg für journalistischen Perspektivenreichtum inszeniert. Durch die gesamte Episode zieht sich die Annahme, dass westliche Medien und Politik eine einseitige, russlandfeindliche Sicht pflegten, die durch Formate wie Weltwoche Daily korrigiert werden müsse. Köppel verknüpft diese außenpolitische Linie mit innenpolitischen Themen in Deutschland, insbesondere der Frage nach deutscher Identität und dem Umgang mit der AfD.
Zentrale Punkte
- Russland als missverstandener Nachbar Köppel stellt Wladimir Putin als besonnenen Akteur dar, der trotz ukrainischer Angriffe „mit einer unglaublichen Zurückhaltung“ agiere. Die These, Selenskyj wolle die NATO bewusst in den Krieg hineinziehen, wird als empirisch gestützte Erkenntnis präsentiert, während russische Kriegsverantwortung kaum thematisiert werde.
- Staatliches Mobbing gegen die AfD Die Organisation von Busfahrten zu Anti-AfD-Protesten durch die Gewerkschaft Verdi wertet Köppel als „staatlich geschürtes Mobbing“ und „systematische Sabotierung der Demokratie“. Der historische Vergleich mit dem NSDAP-Reichsparteitag in Weimar 1926 sei „Geschichtspornografie“ und verharmlose die nationalsozialistischen Verbrechen.
- Deutsche Identität und Höckes Provokation Höckes Aussage, Westdeutsche seien „deutschsprechende Amerikaner“, wird als produktive Zuspitzung verteidigt. Köppel argumentiert, die Frage nach einem nationalen Selbstverständnis sei durch das Brüchigwerden alter Identitätsangebote – EU und USA – dringlich geworden und das Gespräch mit Höcke sei Teil einer notwendigen, differenzierten Debatte.
Einordnung
Die Episode ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein Moderator seine eigene Position – hier: als unabhängiger, mutiger Außenseiter im angeblich gleichgeschalteten Mainstream – zur zentralen Erzählung macht. Köppel inszeniert sich als Brückenbauer, der russische Stimmen hörbar macht, was durchaus journalistische Relevanz haben kann. Die Ankündigung von Interviews mit russischen Senatoren und Aktivisten verspricht tatsächlich Einblicke in Positionen, die im deutschsprachigen Raum selten ungefiltert zu Wort kommen. Die Stärke liegt im Aufgreifen von Tabuthemen: Die Frage nach belastbaren deutschen Identitätsangeboten jenseits von EU-Integration und transatlantischer Bindung ist legitim und wird hier, angestoßen durch das Höcke-Interview, immerhin benannt.
Die analytische Tiefe bleibt allerdings hinter dem Gestus der differenzierten Betrachtung zurück. Köppel übernimmt in seiner Darstellung konsequent die Deutungsmuster der von ihm interviewten Akteure, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Die Aussage, Putin zeige „unheimliche Zurückhaltung“, wird nicht mit dem konkreten Kriegsverlauf oder völkerrechtlichen Dimensionen abgeglichen. Die Framings sind eindeutig: Russland erscheint als missverstanden, die AfD als Opfer staatlicher Verfolgung, die etablierten Parteien und Medien als unfähig und überheblich. Die Behauptung, es handle sich um „Mobbing gegen die Demokratie“ gegenüber einer demokratisch legitimierten Oppositionspartei, ist eine diskursive Verschiebung, die Protest und Kritik an der AfD grundsätzlich delegitimiert.
Besonders auffällig ist die Sprachwahl in Bezug auf die NS-Vergangenheit und die AfD. Dass der Begriff „Geschichtspornografie“ für den Vergleich des AfD-Parteitags 2026 mit dem NSDAP-Parteitag 1926 verwendet wird, relativiert die historische Kontinuitätsfrage und weist sie als unseriös zurück, ohne eine eigene historische Einordnung vorzunehmen. Köppel sagt wörtlich: „Das ist unseriös, das ist unwürdig und das ist beschämend für Leute, gerade in Deutschland, die die ganze Zeit behaupten, sie hätten die Geschichte im Griff.“ – eine Formulierung, die den Spieß umdreht und Kritiker:innen mangelnde historische Souveränität unterstellt, ohne zu spezifizieren, worin die vermeintliche Unseriosität genau besteht. Die Rolle der AfD als eine in Teilen gesichert rechtsextreme Partei bleibt unerwähnt.
Die Sendung lohnt sich für Hörer:innen, die gezielt eine russlandfreundliche sowie AfD-nahe Perspektive kennenlernen möchten. Eine kritische Auseinandersetzung mit den vorgetragenen Deutungen setzt sie nicht voraus.
Sprecher:innen
- Roger Köppel – Moderator, Verleger und Chefredakteur der Weltwoche, sendet aus Tallinn