Paul Waldman von Public Notice argumentiert in dieser Ausgabe, dass die hohen Benzinpreise in den USA eine direkte und unausweichliche Folge von Donald Trumps Entscheidung für den Krieg gegen Iran sind. Der Newsletter beginnt mit der Feststellung, dass die öffentliche Wahrnehmung der Spritpreise oft verzerrt ist, doch die aktuelle Realität – über 4 Dollar pro Gallone kurz vor den Midterms – benötigt keine Übertreibung. Selbst republikanische Wähler:innen sind wütend, exemplarisch verdeutlicht durch das Zitat eines Trump-Wählers: Es sei "the worst three mistakes I’ve ever made in my life."
Das zentrale Argument ist eine provokative Abkehr von der gängigen politikwissenschaftlichen Weisheit. Üblicherweise, so erklärt Waldman detailliert, haben Präsidenten kaum Kontrolle über die Ölpreise, da diese global bestimmt werden. Trotzdem wird das Amt stets dafür verantwortlich gemacht, was zu rituellen, aber meist wirkungslosen Maßnahmen wie der Freigabe strategischer Ölreserven führt. Trump jedoch stelle die große Ausnahme dar: "unlike almost every other president, Trump is actually responsible for where the price of gas is right now." Seine Entscheidung, trotz eindringlicher Warnungen vor einer Blockade der Straße von Hormuz, den Krieg gegen Iran zu beginnen, löste eine vorhersehbare Versorgungskrise aus. Diese simple und weitgehend zutreffende Kausalkette – niedrige Preise, dann Krieg, jetzt hohe Preise – sei selbst für republikanische Wähler:innen verständlich, von denen laut einer zitierten Umfrage 57 Prozent der MAGA-Anhänger:innen den Iran-Krieg als Ursache sehen.
Der Autor zeichnet das Bild einer seltenen politischen Gerechtigkeit: Trump, der 2024 mit dem Versprechen auf unter 2 Dollar teures Benzin antrat und Preissenkungen unberechtigt für sich reklamierte, wird nun von genau jenem Thema eingeholt, das er selbst so stark instrumentalisiert hat. Die zu erwartenden politischen Konsequenzen könnten, zusammen mit Trumps Zöllen und seiner Inkompetenz, wahlentscheidend sein, spekuliert Waldman. Er schließt mit dem süffisanten Fazit, Trump habe es tatsächlich geschafft, seine Partei auf eine Art und Weise zu sabotieren, wie es keinem Präsidenten zuvor gelungen sei.
Einordnung
Der Text ist ein Paradebeispiel für klugen, aber klar positionierten Meinungsjournalismus aus einem links-liberalen Spektrum. Waldman vereinfacht komplexe geopolitische und ökonomische Zusammenhänge geschickt zu einer linearen Schuldzuweisung, die primär der Mobilisierung des eigenen politischen Lagers dient. Die Perspektive der US-Regierung oder die sicherheitspolitischen Argumente für den Iran-Krieg werden komplett ausgeblendet; der Krieg erscheint lediglich als unbelehrbare, fatale Entscheidung Trumps. Ebenso werden andere preistreibende Faktoren, wie die Rolle Chinas oder der OPEC, zwar erwähnt, aber argumentativ der Hauptschuld Trumps untergeordnet.
Das zugrundeliegende Framing ist das eines "Politisches-Karma"-Narrativs: Das Thema, mit dem Trump und die Republikaner jahrelang Stimmung machten, wird ihnen nun zum Verhängnis. Diese Erzählung ist für die eigene Leserschaft emotional hochgradig befriedigend, setzt aber eine bereits kritische Haltung gegenüber Trump voraus. Die argumentative Stärke liegt in der fast schon populären Zuspitzung; ihre Schwäche ist die mangelnde Tiefe in der Analyse der eigentlichen Kriegsgründe.
Lesenswert ist diese Ausgabe für alle, die eine scharfzüngige, gut geschriebene und meinungsstarke Anti-Trump-Analyse schätzen und politische Genugtuung suchen. Wer eine neutrale, multiperspektivische Einordnung der Energiepreiskrise und des Iran-Konflikts erwartet, wird hier nicht fündig. Es ist eine politische Streitschrift, die als solche kenntlich gemacht ist, aber eine kritische Distanz beim Lesen erfordert.