In dieser Episode spricht Philipp Westermeyer mit Christoph Werner, dem Vorsitzenden der dm-Geschäftsführung und Sohn des Unternehmensgründers. Das Gespräch zeichnet Werners Weg an die Spitze des Drogeriemarkt-Konzerns nach: von der Kindheit, in der ihm sein Vater Fachartikel und Geschäftsleitungsnotizen vorlegte, über Stationen bei anderen Handelsunternehmen und der Markenartikelindustrie bis zu seiner Rückkehr zu dm vor 16 Jahren. Werner selbst stellt diesen Werdegang als eine Art Fügung dar – er spreche von einem „roten Lebensfaden" und der Möglichkeit, dass seine Geburt in diese Familie einen tieferen Sinn gehabt haben könnte. Der unternehmerische Erfolg wird konsequent als Gemeinschaftsleistung gerahmt, auch wenn der Erzählstrang stark auf seine Person zentriert bleibt.
Zentrale Punkte
- Unternehmensgröße als eigener Wertmaßstab Der Umsatz von 19,2 Milliarden Euro und 90.000 Mitarbeitende werden als zentrale Erfolgsindikatoren präsentiert, ohne dass alternative Maßstäbe – etwa Qualität der Arbeit oder ökologische Auswirkungen – als gleichwertige Ziele verhandelt würden.
- Kundenbeziehung als Kernstrategie Der entscheidende Erfolgsfaktor von dm sei nicht der Verkauf von Waren, sondern die emotionale Beziehung zwischen Mitarbeitenden und Kund:innen in den Märkten – eine Perspektive, die das Unternehmen als fast familiären Akteur im Leben der Menschen verorte.
- Wachstumspotenzial ohne Grenzen Werner sehe große Zukunftschancen in Gesundheit, Ernährung und digitalen Services und unterstelle implizit, dass das stetige Kundenwachstum der vergangenen Jahre sich fortsetzen lasse – Fragen nach Marktsättigung oder ökologischen Grenzen des Wachstums bleiben unerwähnt.
Einordnung
Die Episode bietet einen intimen Einblick in die Denkweise eines der mächtigsten deutschen Einzelhändler. Werner zeichnet ein konsistentes Bild: dm erscheint als wertegeleitete Gemeinschaft, in der Erfolg organisch aus Beziehungen und gegenseitigem Vertrauen erwächst. Die Selbstbeschreibung des Unternehmens – „kein Mischkonzern", keine Flagship-Stores – wird als Beleg für Authentizität präsentiert.
Kritisch bleibt, dass die politischen Versprechen der Ankündigung – Werners Sorgen um Demokratie und Standort Deutschland – im Gespräch selbst vollständig fehlen. Was als Interview mit politischer Dimension angekündigt wird, verbleibt weitgehend im Modus einer unternehmerischen Erfolgserzählung. Die enorme Verhandlungsmacht, die aus der Marktgröße resultiert, wird als selbstverständlicher Vorteil dargestellt, nicht als Problem für Lieferant:innen oder Wettbewerb. Arbeitsrealitäten – etwa der hohe Teilzeitanteil – werden als branchenübliche Normalität vorausgesetzt, ohne dass Arbeitsbedingungen oder Lohnstrukturen thematisiert würden. Die philosophische Grundierung von Werners Selbstverständnis („vielleicht habe ich mich ja entschieden, genau in dieser Familie geboren zu werden") verleiht seiner Führungsrolle eine spirituelle Legitimation, die im Gespräch unkommentiert stehen bleibt.
Hörempfehlung: Wer sich für die Person hinter einem der größten deutschen Familienunternehmen interessiert, bekommt eine dichte Selbsterzählung – ein kritisches Nachhaken zu Machtfragen oder politischen Positionen sollte man nicht erwarten.
Sprecher:innen
- Philipp Westermeyer – OMR-Gründer, Host des OMR Podcasts
- Christoph Werner – Vorsitzender der Geschäftsführung von dm-drogerie markt