"Partypeople" wurde als radikaler Gegenwartsroman gefeiert, doch für Fynn und Lukas ist er vor allem eines: eine ermüdende Wiederholung. In ihrer Besprechung von Stefan Sommers preisgekröntem Werk sezieren sie einen Text, der konsequent mit Versprechen von Tiefgang, Rausch und Provokation wirbt, aber nie über das journalistische Arrangement von Markennamen, Party-Versatzstücken und kalter Affirmation hinauskomme. Sie sehen darin den traurigen Endpunkt eines Genres, das einmal angetreten sei, um alles Bisherige beiseite zu wischen – und nun selbst im Recycling-Modus gefangen sei.
Zentrale Punkte
- Leere statt Rausch Der Roman inszeniere Drogenexzesse und Partynächte, schaffe aber zu keinem Zeitpunkt ein Gefühl von Ekstase oder Bewegung. Statt eines Sogs erzeuge der Text nur starre Stillleben, durch die gelegentlich Menschen laufen würden. Die Sprache sei nicht berauscht, sondern banal und gleiche eher einer Sammlung von Kolumnen als einem literarischen Werk.
- Keine Entwicklung, nur Wiederholung Der Roman schöpfe unkritisch aus dem Fundus der 90er-Jahre-Pop-Literatur und zitiere beständig Kracht, Hegemann oder Stuckrad-Barre. Eine Weiterentwicklung des Genres oder ein neuer Blick auf die Gegenwart sei nicht erkennbar – die typischen Bezüge, der Ekel vor der Oberschicht und die edgy Sprache wirkten wie eine Nostalgie-Show ohne jede Sprengkraft.
- Journalismus, verkleidet als Literatur Der Text verweigere konsequent jede Mehrdeutigkeit. Er klaube sich Begriffe und Phänomene aus dem Feuilleton und sozialen Netzwerken, um sie dann zum x-ten Mal erklärend auszustellen. Was fehle, sei das, was Literatur ausmache: ein Möglichkeitsraum, eine echte Konfrontation mit dem Anderen, ein Denkspiel, das den Leser:innen etwas abverlange.
- Die falsche Pose der Tiefe Die Figuren sprächen ihre eigene Leere und Entfremdung ständig aus, im Stil von markierbaren Instagram-Stories. Das Buch kommuniziere seine angebliche Tiefgründigkeit so penetrant nach außen, dass jegliche Subversion und jede Interpretationsleistung im Keim erstickt werde. Für die Podcaster sei das eine Literatur, die ihr Publikum für dumm verkaufe.
Einordnung
Fynn und Lukas liefern eine temperamentvolle und entlang konkreter Textstellen durchdekliniertes Verriss-Gespräch, das über die reine Buchkritik hinausgeht. Die Stärke der Episode liegt in dem Versuch, anhand dieses Romans grundsätzlich über die Erstarrung und das Ende eines Genres nachzudenken. Die Frage, wie Pop-Literatur heute aussehen müsste, wenn sie nicht nur Selbstreproduktion sein will, ist hochrelevant.
Die Diskussion bleibt jedoch einem sehr spezifischen, an den 1990ern geschulten Literaturbegriff verhaftet. Die implizite Setzung, dass Literatur zwingend uneindeutig sein und „Möglichkeitsräume aufmachen“ müsse, wird als selbstverständlich vorausgesetzt, was die eigene Analyse etwas dogmatisch erscheinen lässt. Stilistisch hätte man sich stellenweise weniger selbstgefällige Polemik und dafür mehr Tiefe in der Untersuchung des von ihnen kritisierten Phänomens gewünscht. Die ökomische Logik hinter dem „Kurzroman“ wird zwar gestreift, aber nicht konsequent zu Ende gedacht.
Hörempfehlung: Unbedingt hören für alle, die eine grundsätzliche und pointierte Abrechnung mit der zeitgenössischen deutschsprachigen Pop-Literatur suchen.
Sprecher:innen
- Lucas Barwenczik – Podcaster und Literaturkritiker bei "Gelesen"
- Fynn Benkert – Podcaster und Literaturkritiker bei "Gelesen"