In dieser Folge von „LANZ & PRECHT“ denken Markus Lanz und Richard David Precht über die Rolle der Philosophie in Krisenzeiten nach. Ausgehend von der 250-Jahr-Feier der US-Unabhängigkeitserklärung fragen sie, warum in einer Zeit fundamentaler Verunsicherung nicht das große Ganze neu gedacht werde, sondern vor allem Expert:innen das Wort erhielten. Precht sieht darin eine Verengung: Statt Horizonte zu erweitern, setze die Gesellschaft auf Spezialwissen – und blockiere damit die eigentlich nötige Systemdebatte.
Im Gespräch zeichnen die beiden eine Linie von der athenischen Demokratie bis zur Gegenwart. Als zentrale philosophische Haltung identifizieren sie das sokratische Fragen, das nicht auf fertige Lösungen zielt, sondern Gewissheiten erschüttert. Diese Haltung sehen sie in der aktuellen Politik wie in den Medien kaum noch verwirklicht. Stattdessen diagnostizieren sie einen gesellschaftlichen Trend zur Normierung und Verrechtlichung, der den Spielraum für echtes politisches Handeln immer weiter einschränke.
Zentrale Punkte
- Das Effizienzdenken verarmt das Leben Precht argumentiere, dass die gegenwärtige Fixierung auf Optimierung und Effizienz wesentliche menschliche Qualitäten verdränge – Zwecklosigkeit, Fehlerhaftigkeit und Schwäche seien jedoch konstitutiv für Beziehungen und ein erfülltes Leben.
- Expert:innen ersetzen Philosoph:innen In der Corona-Pandemie und mit dem Ukrainekrieg habe ein Stimmungsumschwung stattgefunden: Statt utopischen Denkens dominierten nun Spezialist:innen den öffentlichen Diskurs, obwohl deren Wissen begrenzt und oft schnell veraltet sei, während philosophische Perspektiven als unseriös gälten.
- Wahrheit entsteht durch Zustimmung, nicht durch objektive Übereinstimmung Unter Verweis auf Charles Sanders Peirce und Karl Popper erläutere Precht ein Wahrheitskonzept, wonach Erkenntnis nicht durch den Abgleich mit einer unzugänglichen Realität entstehe, sondern dadurch, dass eine Theorie von Fachleuten so lange für plausibel gehalten werde, bis sie widerlegt sei.
- Überregulierung nimmt Bürger:innen die Eigenverantwortung Staatliche Vorschriften und eine zunehmende Verrechtlichung führten dazu, dass Menschen sich nicht mehr als wirkmächtig erlebten; dies fördere ein paternalistisches Klima und ersticke genau jene Selbstverantwortung, die für eine funktionierende Demokratie notwendig sei.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in der entspannten, assoziativen Gesprächsatmosphäre, die es erlaubt, historische Bezüge herzustellen und grundsätzliche Fragen aufzuwerfen, ohne in polemische Zuspitzungen zu verfallen. Lanz bringt strukturierende Stichworte ein und gibt dem Gespräch dadurch thematische Konturen, während Precht philosophiegeschichtliche Zusammenhänge ausbreitet und für ein ergebnisoffenes Nachdenken wirbt. Die Episode erinnert daran, dass öffentliche Debatten mehr leisten müssen als die Vermittlung von Expertenwissen – sie brauchen auch Räume für den Zweifel, für das Abwägen und für die Frage nach den stillschweigenden Voraussetzungen politischer Entscheidungen.
Ausgeblendet bleibt dabei weitgehend, dass der Status des „Allgemeinen“, den Precht für die Philosophie reklamiert, selbst eine exklusive Position markiert: Die Episode reflektiert weder, wer in dieser Denktradition historisch Gehör fand und wer nicht, noch setzt sie sich mit der möglichen Blindheit eines universellen Vernunftanspruchs auseinander. Das Gespräch bleibt merklich im bildungsbürgerlichen Kanon verankert; Stimmen außerhalb der europäisch-männlichen Philosophiegeschichte werden nicht erwähnt. Die Kritik an der „Expertokratie“ ist zudem an einigen Stellen widersprüchlich – etwa wenn Precht den jungen CSU-Politiker Florian Dorn gerade wegen dessen IFO-Expertise lobt, ohne diesen Widerspruch zu thematisieren. Einmal mehr zeigt sich hier, was das Format grundsätzlich auszeichnet und begrenzt: zwei etablierte Stimmen im wohlwollenden Gespräch, die sich in ihrer Kritik am Bestehenden weitgehend einig sind.
Sprecher:innen
- Markus Lanz – Journalist und Talkshow-Moderator (ZDF)
- Richard David Precht – Philosoph, Schriftsteller und Podcaster